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68 Ettehard.
ins Aug' und murmelte: „Alſo vom Chor die erſte Pforte
zur Rechtent“
Der Abt mochte auch der Anſicht ſein, daß lang' fort-
geſetzter Anblick von Gold und Silber Hunger nach Beſitz
errege; er ließ die letzte Truhe, welche der Koſtbarkeiten
vorzuͤglichſte barg, nicht mehr erſchließen und drängte, daß
ſie ins Freie kamen.
Sie lenkten ihre Schritte zum Kloſtergarten. Der war
weitſchichtig angelegt und trug an Kraut und Gemüſe viel
nach Bedarf der Küche; zudem auch nützliches Arznei—
gewächs und heilbringende Wurzeln.
Beim Baumgarten war ein großer Raum abgeteilt für
wild Getier und Gevögel, wie ſolches teils in den nahen
Alpen hauſte, teils als Geſchenk fremder Gäſte dem Gar⸗
ten verehrt wars.
Da erfreute ſich Frau Hadwig am ungeſchlachten We⸗
ſen der Bären: in närriſchen Sprüngen kletterten ſie am
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Baum ihres Twingers auf und nieder; daneben erging
ſich ein kurznaſiger Affe, der mit einer Meerkatze zuſam—
men an einer Kette durchs Leben tollte, — zwei Ge—
ſchöpfe, von denen ein Dichter damaliger Zeit ſagt, daß
weder das eine noch das andere eine Spur nutzbringen—
der Anlage als Berechtigungsgrund ſeines Vorhandenſeins
aufzuweiſen vermöges.
Ein alter Steinbock ſtund in ſeines Raumes Enge, der
Sohn der Hochalpe ſenkte ſein Haupt, ſtill und geduckt;
ſeit er die ſchneidige Luft der Gletſcher entbehren mußte,
war er blind geworden, denn nicht jedweder gedeiht in
den Niederungen der Menſchen.
In anderem Behältnis waren dickhäutige Dachſe an—
gebaut; der böſe Sindolt lachte, wie ſie vorüberkamen:
„Sei gegrüßt, du kleines, niederträchtig Getier“, ſprach
er, „du erleſen Wildbret der Kloſterknechte!“
Wieder anderswo pfiff es durchdringend. Ein Rudel
Murmeltiere lief den Ritzen zwiſchen den künſtlich geſch ch—
teten Felſen zu. Frau Hadwig hatte ſolch kurzweilig Ge—⸗
ſchöpf noch nicht erſchaut. Da erklärte ihr der Abt deren
Lebensart:
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