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70 Ekkehard.
dem Manne und tut ſeinen Schnabel über des Mannes
Mund, nimmt des Mannes Unkraft an ſich und fährt auf
zur Sonne und läutert ſich im ew'gen Licht: da iſt der
Mann gerettets.“
Der Abt kam wieder herbei und unterbrach weitere
Sinnreden. Auf einem Apfelbaum ſaß ein dienender
Bruder, pflückte die Apfel und ſammelte ſie in Körbe.
Wie ſich die Herzogin zum Schatten der Bäume wandte,
wollte er herniederſteigen, aber ſie winkte ihm, zu bleiben.
Jetzt ertönte es wie Geſang zarter Knabenſtimmen in
des Gartens Niederung: die Zöglinge der innern Kloſter⸗
ſchule kamen heran, der Herzogin ihre Huldigung zu brin⸗
gen; blutjunge Bürſchlein, trugen ſie bereits die Kutte,
und mancher hatte die Tonſur aufs eilfjährige Haupt ge⸗
ſchoren. Wie ſie aber in Prozeſſion daherzogen, die rot-
backigen Äbtlein der Zukunft, geführt von ihren Lehrern,
den Blick zur Erde niedergeſchlagen, und wie ſie ſo ernſt
und langſam ihre Sequenzen ſangen: da flog ein leiſer
Spott über Frau Hadwigs Antlitz, mit ſtarkem Fuß ſtieß
ſie den naheſtehenden Korb um, daß die Apfel luſtig
unter den Zug der Schüler rollten und an ihren Kapuzen
emporſprangen. Aber unbeirrt zogen ſie ihres Weges;
nur der kleinſten einer wollte ſich bücken nach der locken—
den Frucht, doch ſtreng hielt ihn ſein Nebenmännlein
am Gürtel??.
Wohlgefällig ſah der Abt die Haltung des jungen Vol⸗
kes und ſprach: „Diſziplin unterſcheidet den Menſchen
vom Tier““! und wenn Ihr der Heſperiden AÄpfel unter
ſie werfen wolltet, ſie blieben feſt.“
Frau Hadwig war gerührt. „Sind alle Eure Schüler
ſo gut gezogen?“ frug ſie.
„So Ihr Euch überzeugen wollt“, ſprach der Abt, „die
großen in der äußeren Schule wiſſen nicht minder, was
Zucht und Gehorſam iſt.“
Die Herzogin nickte. Da führte ſie der Abt zur äußern
Kloſterſchule, wo zumeiſt vornehmer Laien Söhne und die-
jenigen erzogen wurden, die ſich weltgeiſtlichem Stand
widmen wollten.
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