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72 Ekkehard.
nicht mehr, plötzlich ſtürmten die Zöglinge Ratperts lär—
mend vor, ſie ſtürmten auf die Herzogin ein, riſſen ſie von
des Abts und ihres Kämmerers Seite: „Gefangen! ge—
fangen!“ ſchrie die holde FJugend und begann ſich mit
den Schulbänken zu verſchanzen: „Gefangen! wir haben
die Herzogin in Schwaben gefangen! Was ſoll ihr Löſe-
geld ſein?“
Frau Hadwig hatte ſich ſchon in mancherlei Lebens-
lagen befunden. Daß ſie als Gefangene unter Schulknaben
fallen könne, war ihr noch nicht zu Sinn gekommen. Weil
die Sache neu war, hatte ſie Reiz für ſie; ſie fügte ſich.
Ratpert, der Lehrmeiſter, holte aus ſeinem Holzver⸗
ſchlag eine mächtige Rute hervor, ſchwang ſie dräuend
zur Umkehr und rief, ein zweiter Neptunus, die virgi⸗
liſchen Verſe“ ins Getümmel:
„So weit hat das Vertrauen auf euer Geſchlecht euch verleitet?
Himmel und Erde ſogar, ohn' alles Geheiß von mir ſelber,
Wagt ihr zu miſchen, ihr Winde, und ſolchen Cumult zu erheben?!
Quos ego!!“
Erneuter Halloruf war die Antwort. Schon war der
Saal durch Schulbänke und Schemel abgeſperrt. Herr
Spazzo überlegte den Gedanken eines Sturms und kräf⸗
tiger Fauſtſchläge an die Haupträdelsführer. Der Abt war
ſprachlos, die Kechheit war ihm lähmend in die Glieder
gefahren.
Die hohe Gefangene ſtand am andern Ende des Hör⸗
ſaals in einer Fenſterniſche, umringt von ihren fünfzehn—
jährigen Entführern.
„Was ſoll das alles, ihr ſchlimmen Knaben?“ frug ſie
lächelnd.
Da trat einer der Aufrührer vor, beugte ſein Knie und
ſprach demütig: „Wer als Fremder kommt, iſt ſonder
Schutz und Friede, und friedloſe Leute hält man gefangen,
bis ſie ſich der Unfreiheit löſen“s.“
„Lernt ihr das auch aus euern griechiſchen Büchern?“
„Nein, Herrin, das iſt deutſcher Brauch.“
* „Aneis“ 1, 132 ff. Worte Neptuns.
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