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74 Ekkehard.
zu zeigen, die Arzneikammer lernbegieriger Seelen, das
Zeughaus für die Waffen des Wiſſens.“ Aber Frau Hadwig
war ermüdet, ſie dankte. „Ich muß mein Wort halten“,
ſprach ſie, „und die Schenkung an Eure Schulknaben ur⸗-
kundlich machen. Wollet die Handfeſte aufſetzen laſſen,
daß wir ſie mit Unterſchrift und Sigill verſehen.“
Herr Cralo führte ſeinen Gaſt nach ſeinen Gemächern.
Den Kreuzgang entlang wandelnd, kamen ſie an einem
Gelaß vorüber, des Türe war offen. An kahler Wand ſtand
eine niedere Säule, von der in halber Mannshöhe eine
Kette niederhing. Über dem Portal war in verblaßten Far-
ben eine Geſtalt gemalt, ſie hielt in magern Fingern eine
Rute. „Wen der Herr liebhat, züchtigt er; er ſtäupet einen
jeglichen, den er zum Sohne annimmt“ (Hebr. XII, 6),
war in großen Buchſtaben darunter geſchrieben.
Frau Hadwig warf dem Abt einen fragenden Blick zu.
„Die Geißelkammer“!“ ſprach er.
„Iſt keiner der Brüder zur Zeit einer Strafe verfallen“,
fragte ſie, „es möcht' ein lehrreich Beiſpiel ſein“
Da zuckte der böſe Sindolt mit dem rechten Fuß, als
wär' er in einen Dorn getreten, rückte ſein Ohr rückwärts,
wie wenn von dort eine Stimme ihm riefe, ſprach: „Ich
komme ſogleich“, und enteilte ins Dunkel des Ganges.
Er wußte warum.
Notker, der Stammler, hatte nach jähriger Arbeit die
Abſchreibung eines Pfalterbuchs vollendet und es mit zier⸗
lich feinen Federzeichnungen geziert; das hatte der neidiſche
Sindolt nächtlicherweile zerſchnitten und die Weinkanne
drüber geſchüttet. Drob war er zu dreimaliger Geißel⸗—
ſtrafe verdammt, der letzten Vollzug ſtand noch aus: er
kannte das Ortlein und die Bußwerkzeuge, die ihrem Rang
nach an der Wand hingen, vom neunfältigen „Skorpion“
herab bis zur einfachen „Weſpe“.
Der Abt dräangte, daß ſie vorüberkamen. Seine Prunt⸗
gemächer waren mit Blumen geſchmückt. Frau Hadwig
warf ſich in den einfachen Lehnſtuhl, auszuruhen vom
Wechſel des Erſchauten. Sie hatte in wenig Stunden viel
erlebt. Es war noch eine halbe Stunde zum Abendimbiß.
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