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76 Ekkehard.
Leitung eine Tätigkeit entwickelt, die nichts zu wünſchen
übrigließ.
Jetzo läutete das Glöcklein, deſſen Ton auch von den
frömmſten Brüdern noch keiner unwillig gehört, der Ruf
zur Abendmahlzeit. Abt Cralo geleitete die Herzogin ins
Refektorium. Sieben Säulen teilten den luftigen Saal
hälftig ab, an vierzehn Tiſchen ſtanden, wie Heerſcharen
der ſtreitenden Kirche, des Kloſters Mitglieder, Prieſter
und Diakonen; ſie erwieſen dem hohen Gaſt keine ſonder⸗
liche Aufmerkſamkeit.
Das Amt des Vorleſers“ vor dem Zmbiß ſtund in die-⸗
ſer Woche bei Ekkehard, dem Pörtner. Der Herzogin zu
Ehren hatte er den vierundvierzigſten Pſalm erkoren; er
trat auf und ſprach einleitend: „Herr, öffne meine Lippen,
auf daß mein Mund dein Lob verkünde“, und alle ſprachen's
ihm murmelnd nach, als Segen zu ſeiner Leſung.
Nun erhub er ſeine Stimme und begann den Pſalm,
den die Schrift ſelber einen lieblichen Geſang nennet:
„Es quillet mein Herz eine ſchöne Rede, ich will reden
mein Gedicht dem Könige, meine Zunge ſei der Griffel des
Geſchwindſchreibers.
„Der Schönſte biſt du von den Söhnen des Menſchen,
Anmut iſt gegoſſen über deine Lippen, denn Gott hat dich
geſegnet ewig.
„Gürte um die Hüfte dein Schwert, du Held, deinen
Ruhm und deinen Schmuck. Und geſchmückt zeuch aus, ein
Hort der Wahrheit, Milde und des Rechts.
„Ja, Wunder wird zeigen deine Rechte! Deine Pfeile
ſeien geſchärft, VBölker ſollen unter dir ſtürzen, die im Her—
zen Feinde des Königs find.
„Dein Thron vor Gott ſteht immer und ewig, ein
gerechter Scepter iſt der Scepter deines Reichs.
„Du liebeſt das Recht und haſſeſt das Unrecht, drum
hat dich Gott, dein Gott, geſalbt mit dem Ol der Freude,
mehr denn alle Genoſſen; Myrrhen, Aloe und Caſſia duf—
ten all deine Kleider, aus elfenbeinernen Paläſten erfreuen
Saiten dich.6“
Die Herzogin ſchien die Huldigung zu verſtehen; als
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