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4. Zm Kloſter. 77
wenn ſie ſelber mit den Worten des Pſalms angeredet
wäre, hefteten ſich ihre Augen auf Ekkehard. Aber auch
dem Abt war's nicht entgangen, da gab er ein Zeichen
abzubrechen, und der Pſalm blieb unbeendet, als ſich
männiglich zu Liſch ſetzte.
Das aber konnte Herr Cralo nicht hindern, daß Frau
Hadwig dem emſigen Vorleſer befahl, an ihrer Seite Platz
zu nehmen; es war zwar der Rangſtufung folgend der Sitz
zu ihrer Linken dem alten Dekan Gozbert zugedacht, aber
dem war's ſchon lang zumute, als käm' er auf glühende
Kohlen zu ſitzen, denn er hatte mit Frau Hadwigs ſeligem
Gemahl dereinſt einen gröblichen Wortwechſel gepflogen,
wie der dem Kloſterſchatz das unfreiwillige Kriegsanlehen
auflegte, und war von damals auch der Herzogin giftig ge⸗
ſtimmt, — kaum merkte er die Abſicht, ſo drückte er ſich ver—
gnüglich ſeitwärts und ſchob den Pörtner auf den Dekans-
ſitz. Neben Ekkehard kam der Herzogin Kämmerer Spazzo
zu ſitzen, dem zur Seite der Mönch Sindolt. .
Die Mahlzeit begann. Der Küchenmeiſter, wohl wiſ—
ſend, wie bei Ankunft fremder Gäſte Erweiterung der ſchma⸗
len Kloſterkoſt geſtattet ſei, hatte es nicht beim üblichen
Mus mit Hülſenfrüchten“ bewenden laſſen. Auch der
ſtrenge Küchenzettel des ſeligen Abt Hartmuth ward nicht
eingehalten.
Wohl erſchien zuerſt ein dampfender Hirſebrei, auf daß,
wer gewiſſenhaft bei der Regel'i bleiben wollte, ſich daran
erſättige; aber Schüſſel auf Schüſſel folgte, bei mächtigem
Hirſchziemer fehlte der Bärenſchinken nicht, ſogar der Bi⸗—
ber vom obern Fiſchteich hatte ſein Leben laſſen müſſen;
Faſanen, Rebhühner, Turteltauben und des Vogelherds
kleinere Ausbeute folgten, der Fiſche aber eine unendliche
Auswahl, ſo daß ſchließlich ein jeglich Getier, watendes,
fliegendes, ſchwimmendes und kriechendes, auf der Kloſter⸗
tafel ſeine Vertretung fand.
Und mancher der Brüder kämpfte damals einen ſchwe⸗-
ren Kampf in ſeines Gemütes Tiefe; ſelbſt Gozbert, der
alte Dekan.. des Hirſebreis war er geſättigt und hatte
mit mächtigem Stirnrunzeln des Hirſches Braten und des
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