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78 Ektehard.
Bären Schinken weggeſchoben, als wär's eine Verſuchung
des böſen Feindes: aber wie auch ein ſchön bräunlich ge⸗
braten Birkhuhn in ſeine Nähe geſtellt ward, da ſchlug der
Bratenduft träumeriſch an ſeine Naſe, mit dem Duft
hielten die Geſchichten ſeiner Fugend bei ihm Rückkehr:
wie er ſelber vor vierzig FJahren dem Weidwerk oblag und
in frühem Morgennebel dem balzenden Auerhahn nach—
ſtellte, und die Geſchichte von des Förſters Töchterlein,
die ihm damals begegnet, und.. zweimal noch kämpfte
er des Arms Bewegung zurück, das drittemal hielt's
nimmer, des Birkhuhns Hälfte lag vor ihm und ward in
Eile verzehrt.
Der Kämmerer Spazzo hatte Beifall nickend der
Schüſſeln mannigfache Zahl erſcheinen ſehen, ein großer
Rheinlank“⸗, der Fiſche beſten einer, war ſchier unter ſeinen
Händen verſchwunden, fragend ſchaute er ſich nach einigem
Getränk um, da zog Sindolt, ſein Nachbar, ein ſteinern
Krüglein herbei, ſchenkte ihm den metallenen Becher voll,
ſtieß mit ihm an und ſprach: „Des Kloſterweins Ausleſe!“
Herr Spazzo gedachte einen mächtigen Zug zu tun, aber
es ſchüttelte ihn wie Fieberfroſt, und den Becher abſetzend,
ſagte er: „Da möchte der Teufel Kloſterbruder ſein!“ Der
böſe Sindolt hatte ihm ein ſaures Apfelweinlein mit dem
Saft von Brombeeren gemiſcht vorgeſetzt. Wie aber Herr
Spazzo ihm ſchier mit einem Fauſtſchlag gelohnt hätte,
holte er, ihn zu ſänftigen, des dunkelroten Valtelliners
einen Henkelkrug. Der Valtelliner iſt ein wackerer Wein,
in dem ſchon der Kaiſer Auguſtus ſeinen Schmerz über die
Varusſchlacht niedergetrunken?; und allmählich verſöhnte
ſich Herr Spazzo, trank auch auf das Wohlergehen des
Biſchofs von Chur, dem das Kloſter dieſen Wein ver⸗
dankte, ohne daß er ihm ſonſt näher bekannt war, ſeinen
Becher leer, und Sindolt tat wacker Beſcheid.
„Was ſagt euer Patron zu ſolchem Trinken?“ fragte
der Kämmerer.
„Sankt Benedikt war ein weiſer Mann“, ſprach Sindolt.
„Darum ſchrieb er in ſein Geſetz: Wiewohl zu leſen ſteht, daß
der Wein überhaupt kein Trunk für Mönche ſei, ſo mag dies
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