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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke3/0083
82 Eklehard.

ſtehen, zog ſein Gewand aus und warf ſich nackt in die

Stach eln des Gedörns und den Brand der Neſſeln, bis daß
er am ganzen Körper verwundet von dannen ging.
„Alſo löſchete er des Geiſtes Wunde durch die Wunden
der Haut und ſiegte ob der Sunde..“
Frau Hadwig war von dieſer Vorleſung nicht erbaut;
ſie ließ ihre Augen gelangweilt im Saal die Runde machen.
Der Kämmerer Spazzo — deuchte auch ihm die Wahl des
Kapitels unpaſſend, oder war ihm der VBaltelliner zu Häup⸗
ten geſtiegen? — ſchlug unverſehens dem Vorleſer das
Buch zu, daß der holzbeſchlagene Deckel klappte, hob ihm
ſeinen Pokal entgegen und ſprach: „Soll leben der heilige

Benedikt!“ und wie ihn Ekkehard vorwurfsvoll anſah,

ſtimmte ſchon die jüngere Mannſchaft der Kloſterbrüder
lärmend ein, ſie hielten den Trinkſpruch für ernſt; da und
dort ward das Loblied auf den heiligen Mann intoniert,
diesmal als fröhlicher Zechgeſang, und lauter Zubel klang
durch den Saal.
Diew eil aber Abt Cralo bedenklich umſchaute und Herr
Spazzo immer noch beſchäftigt war, mit den jungen Kleri⸗
kern auf das Wohl ihres Schutzpatrons zu trinken, neigte
ſich Frau Hadwig zu Ekkehard und frug ihn mit nicht allzu⸗
lauter Stimme:
„Würdet Ihr mich das Lateiniſche lehren, junger Ver—
ehrer des Altertums, wenn ich's lernen wollte“?“
Da klang es in Ekkehards Herz wie ein Widerhall des
Geleſenen: „Wirf dich in die Neſſeln und Dornen und ſag'
nein!“ er aber ſprach:
„Befehlet, ich gehorche!“
.. Die Herzogin ſchaute den jungen Mönch noch einmal
mit einem ſonderbar flüchtigen Blicke an, wandte ſich dann
zum Abt und ſprach über gleichgültige Dinge.

15

Die Kloſterbrüder zeigten noch kein Verlangen, des

Tages günſtige Gelegenheit unbenutzt verſtreichen zulaſſen.

In des Abts Augen mochte ein gnädig milder Schein leuch⸗
ten, und der Kellermeiſter ſchob auch keinen Riegel für,
wenn ſie mit leeren Krügen die Stufen hinabſtiegen. Am
vierten Tiſch begann der alte Tutilo gemütlich zu werden


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