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zu ihm, „iſt die welſche Feinfühligkeit jetzt zufrieden ge—
ſtellt? Den Kaiſer Fulianus mutete einſt unſerer Vorväter
Geſang an wie das Geſchrei wilder Vögel“, aber ſeitdem
haben wir's gelernt. Klingt's Euch nicht lieblicher als Sang
der Schwanen???“
„Lieblicher — als Sang der Schwanen — - “ wieder⸗
holte der Fremde wie im Traum. Dann erhob er ſich und
ſchlich leiſe von dannen. Es hat's keiner im Kloſter zu
leſen bekommen, was er in jener Nacht noch ins Tagebuch
ſeiner Reiſe eintrug:
„Dieſe Männer diesſeits der Alpen“, ſchrieb er, „wenn
ſie auch den Donner ihrer Stimmen hoch gegen Himmel
erdröhnen laſſen, können ſich doch nimmer zur Süße einer
gehobenen Modulation erſchwingen. Wahrhaft barbariſch
iſt die Rauheit ſolch abgetrunkener Kehlen; wenn ſie durch
Beugung und Wiederaufrichtung des Tons einen ſanften
Geſang zu ermöglichen ſuchen, ſchauert die Natur und es
klingt wie das Fahren eines Wagens, der in Winterszeit
über gefrorenes Pflaſter dahin knarrt 33“
Herr Spazzo gedachte, was löblich begonnen, auch löb⸗
lich zu enden, er ſchlich ſich fort über den Hof in das Ge—
bäude, wo Praxedis und die Dienerinnen waren, und
ſprach: „Ihr ſollet zur Herzogin kommen, und zwar
gleich“ — ſie lachten erſt ob ſeiner Kutte, folgten ihm aber
zum Saal, und war keiner, der ſie von der Schwelle zu—
rückhielt. Und wie die Mägdlein an des Refektoriums
Eingang ſichtbar wurden, entſtand ein Gemurmel und ein
Kopfwenden im Saal, als ſollte jetzo ein Tanzen und
Springen anheben, wie es dieſe Wände noch nicht erſchaut.
Herr Cralo, der Abt, aber wandte ſich an die Herzogin
und ſprach: „Frau Baſe?!“ — und ſprach's mit ſo dul-⸗
dender Wehmut, daß ſie aus ihren Gedanken auffuhr.
Und ſie ſah auf einmal ihren Kämmerer und ſich ſelber
in der Mönchskutte mit andern Augen an denn zuvor,
und ſchaute die Reihen trinkender Männer, dem entfern—
* Flavius Fulianus Apoſtata, Kaiſer 361—363, vergleicht in
ſeinem „Misopogon“ den Geſang der Alemannen dem Rufe rauh krächzen-
der Vögel.
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