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88 Ettebard.
begonnen, laß unvollendet zurück, zieh ab deine Hand vom
Geſchäft, darin ſie tätig war, zeuch aus im Schritt des
Gehorſams“, es war ihm kaum Not, ſich dieſen Satz ſeiner
Regel vorzuhalten.
Auf ſeiner Zelle lagen die Pergamente des Pſalmen⸗
buchs?“, das Folkard mit Meiſterhand geſchrieben und mit
feinen Bildwerken verziert hatte. Ekkehard war beauftragt,
mit der wertvollen Goldfarbe, die der Abt jüngſt von vene⸗
zianiſchen Handelsleuten erkauft hatte, die Anfangsbuch—
ſtaben auszumalen und den Figuren durch leiſen Goldſtrich
an Krone, Scepter, Schwert und Mantelſaum die letzte
Vollendung zu geben.
Er nahm Pergament und Farben und trug's ſeinem
Gefährten hinüber, daß er ſtatt ſeiner die letzte Hand ans
Begonnene lege; Folkard war gerade daran, ein neues
Bild zu entwerfen, wie David vor der Bundeslade tanzt
und die Laute ſpielt, — er ſchaute nicht auf. Schweigend
verließ Ekkehard ſeine Künſtlerſtube.
Er wandte ſich zur Bibliothek, den Virgil auszuleſen.
Wie er droben ſtand im hochgewölbten Saal, einſam unter
den ſchweigenden Pergamenten, da kam ein Gefühl der
Wehmut über ihn; auch das Lebloſe ſtellt ſich bei Abſchied
und Wiederſehen vor den Menſchen, als trüg's eine Seele
in ſich und nähme Anteil an dem, was ihn bewegt.
Die Bücher waren ſeine beſten Freunde. Er kannte ſie
alle und wußte, wer ſie geſchrieben; — manche der Schrift-
züge erinnerten an einen vom Tode ſchon entführten Ge⸗
fährten.
„Was wird das neue Leben beſcheren, das von morgen
für mich anhebt?“ Eine Träne ſtand ihm im Auge. FJetzt fiel
ſein Blick auf das kleine, in metallene Decke gebundene
Gloſſarium, in dem einſt der heilige Gallus, der am Boden—
ſee üblichen Landesſprache unkundig, ſich vom Pfarrherrn
zu Arbon die notwendigſten Worte hatte verdeutſchen
laſſenss. Da gedachte Ekkehard, wie des Kloſters Stifter
mit ſo wenig Ausrüſtung und Hilfe dereinſt ausgezogen,
ein fremder Mann unter die Heiden, und wie ſein Gott
und ſein unverzagt Herz in Not und Fährlichkeit ihn immer-
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