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90 Ekkehard.
und Eure Augen trüb werden wollen, ſo läutert Euch da⸗
mit. Meinen hilft's nicht mehr. Fahret wohl!“
Ar Abend desſelben Tages ging Ekkehard auf den Berg,
an den ſich das Kloſter anlehnt. Seit langer Zeit war das
ſein Lieblingsgang. In den Fiſchweihern, die dort zur
Spendung klöſterlicher Faſtenſpeiſe künſtlich angelegt ſind,
ſpiegelten ſich die Tannen; ein leiſer Luftzug kräuſelte
die Wellen, die Fiſche tummelten ſich. Lächelnd ging
er vorüber: „Wann werd' ich wohl wieder einen von euch
verzehren?“
Im Tannwald oben auf dem Freudenberg war's
feierlich ſtill. Da hielt er an. Ein weites Rundbild tat
ſich auf.
Zu Füßen lag das gloſter mit all ſeinen Gebäuden und
Ringmauern; hier ſprang der wohlbekannte Springquell
im Hofe, dort blühten die Herbſtblumen im Garten — dort
in langer Reihe die Fenſter der Kloſterzellen, er kannte
jedwede und ſah auch die ſeinige: „Behüt' dich Gott,
ſtilles Gelaß!“
Der Ort, wo Tage ſtrebſamer Zugend verlebt wurden,
wirkt wie Magnetſtein aufs Herz; es braucht ſo wenig, um
angezogen zu ſein, nur der iſt arm, dem das große Treiben
der Welt nicht Zeit vergönnt; ſich örtlich und geiſtig an
einem ſtillen Platz niederzulaſſen.
Ekkehard hob ſein Auge. Hoch aus der Ferne, wie reiche
Zukunft, glänzte des Bodenſees Spiegel herüber, in ver⸗
ſchwommenen Duft war die Linie des anderſeitigen Ufers
und ſeiner Höhenzüge gehüllt, nur da und dort haftete ein
heller Schein und ein Widerſchein im Waſſer, die Nieder-
laſſungen der Menſchen andeutend.
„Aber was will das Dunkel in meinem Rücken 2“ Er
ſchaute ſich um, rückwärts hinter den tannigen Vorbergen
reckte der Säntis ſeine Zacken und Hörner empor, auf den
verwitterten Felswänden hüpfte warmer Sonnenſtrahl
unſtet im Kampf mit dem Gewölke und ſtrahlte vorüber-
fliehend auf die Maſſen alten Schnees, die in den Schluch—
ten neuem Winter entgegenharrten.. UÜber dem Kamor
ſtand eine dunkle Wolke, ſie dehnte und ſtreckte ſich, bald
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