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92 Ekkehard.
geſchlichen, den Späher gemacht, ſich beim Kaiſer als un—
entbehrlicher Mann darzuſtellen gewußt, bis die Inful eines
Abts von Sankt Gallen mit der Mitra eines Biſchofs von
Konſtanz auf ſeinem Haupt vereinigt war.
Und vom großen Schickſal der Kammerboten ſangen
die Kinder auf den Straßen. Die hatte der ränkeſpinnende
Prälat gereizt und gekränkt, bis ſie in der Fehde Recht
ſuchten und ihn fingen: aber wiewohl Herrn Erchangers
Gemahlin Berchta ihn in der Gefangenſchaft hegte und
pflegte wie ihren Herrn und den Friedenskuß von ihm
erbat und aus einer Schüſſel mit ihm aß, war ſein Ge—
müt der Rache nicht geſättigt, bis daß des Kaiſers Gericht
zu Adingen ſeinen rauhen Feinden die Häupter vor die
Füße gelegt.
Und die Tochter, die dem frommen Mann aus luſtiger
Studentenzeit erwachſen, war itzt noch Äbtiſſin am Mün-
ſter zu Zürich?n.
All das wußte Ekkehard; in der Kirche, wo der Mann
begraben lag, mocht' er nicht beten.
Es mag ungerecht ſein, den Haß, der den Menſchen
gebührt, auf das Stück Land überzutragen, wo ſie gelebt
und geſtorben, aber es iſt erklärlich.
Er ſchüttelte den Konſtanzer Staub von den Füßen und
wanderte zum Tor hinaus; dem ſich kaum dem See ent—
windenden jungen Rhein blieb er zur Linken.
Von mächtiger Haſelſtaude ſchnitt er ſich einen feſten
Wanderſtab: „wie die Rute Aarons, da ſie im Tempel
Gottes aufgrünte, ſein Geſchlecht ſchied von den abtrün—
nigen Zuden, ſo möge dieſer Stab, geweiht mit der Fülle
göttlicher Gnade, mir ein Hort ſein wider die Ungerech—
ten am Wege“, ſprach er mit den Worten eines alten Stock-
ſegens??. Vergnügt ſchlug ihm das Herz, wie er einſam
fürbaß zog.
Wie hoffnungsgrün und beſeligt iſt der Menſch, der in
jungen Tagen auf unbekannten Pfaden unbekannter Zu—
kunft entgegenzieht, — die weite Welt vor ſich, der Him—
mel blau und das Herz friſch, als müßt' ſein Wanderſtab
überall, wo er ihn ins Erdreich einſtößt, Laub und Blüten
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