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98 Etkehard.
anderem herrühren kann als von einem wohlaufgeſetzten
verſtändigen Kuß, ſchlug an ſein Ohr, er ſchaute zwiſchen
den Fäſſern durch, da ſah er des Kellermeiſters Gewan-
dung und ein Paar fliegende Zöpfe, die nicht zu dieſem
Habit gehörtener richtete ſich auf, ein ungeſtümer
Zorn kam über ihn, denn Ekkehard war jung und eifrig,
und in Sankt Gallen war ſtrenge Sitte, und es hatte ihm
noch nie als möglich vorgeſchwebt, daß ein Mann im
Ordenskleid ein Weib küſſen möge.
Sein wuchtiger Haſelſtock ruhte ihm noch im Armz itzt
ſprang er vor und ſchlug dem Kellermeiſter einen wohl⸗
gefügen Streich, der zog ſich von der rechten Schulter
nach der linken Hüfte und ſaß feſt und gut wie ein auf
Beſtellung gelieferter Rock — und bevor ſich jener der
erſten Überraſchung erholt, folgte ein zweiter und dritter
von gleichem Schrot.er ließ ſein ſteinern Geſchirr fal⸗
len, daß es am Pflaſter zerſchellte; Kerhildis entfloh.
„Beim Krug von der Hochzeit zu Kana!“ rief Rudi—
mann, „was iſt das?“ und wandte ſich gegen den Angrei⸗—
fer. FJFetzt erſt ſchauten ſich die beiden von Angeſicht zu
Angeſicht.
„Ein Gaſtgeſchenk iſt's“, ſprach Ekkehard ingrimmig,
„das der heilige Gall dem heiligen Pirmin ſendet'“*!“
und er erhub ſeinen Stab von neuem.
„Dacht' ich's doch“, ſchalt der Kellermeiſter, „ſankt
galliſche Holzäpfel! Man kennt euch an den Früchten:
Boden hart, Glaube roh, Leute grob““n! Wartet des
Gegengeſchenks.“
Er ſah nach etwas Greifbarem um, ein namhafter
Beſen ſtand in der Ecke, mit dem waffnete er ſich und
gedachte auf den Störer ſeines Friedens einzudringen...
Da rief's gebietend von der Pforte her: „Halt!
Friede mit euch!“ Und eine zweite Stimme frug mit
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fremder Betonung: „Was iſt hier für ein Holofernes aus
dem Boden gewachſen?“
Es war der Abt Wazmann, der mit ſeinem Freund
Simon Bardo, dem ehemaligen Protoſpathar'“s des grie-
chiſchen Kaiſers, von der Einſegnung der Weinleſe zurück—
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