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6. Moengal. 105
konnte; von ſo manchem ſeiner alten Brüder war nichts
mehr zu berichten, als daß ſein Sarg eingemauert ſtand
bei dem der andern und ein Kreuz an der Wand und ein
Eintrag im Totenbuch die einzige Spur, daß er gelebt; —
die Geſchichten und Späßlein und Kloſterfehden, wie ſie
vor dreißig Jahren erzählt wurden, waren durch neue er⸗-
ſetzt, und was ſeit damals geſchehen, ließ ihn gleichgültig.
Nur wie Ekkehard von dem Zweck und Ziel ſeiner Fahrt
ſprach, rief er: „Hoiho, Konfrater, was habt Ihr wider
die Jagd geſprochen und ziehet ja ſelber auf Edelwild aus!“
Aber Ekkehard lenkte ab. „Habt Ihr noch nie Heim—
weh nach des Kloſters Stille und Wiſſenſchaft verſpürt?“
frug er.
Da flammte des Leutprieſters Aug': „Ward Catilina
von Heimweh nach den Holzbänken des römiſchen Senats
geplagt, nachdem von ihm geſagt war: excessit, evasit,
erupit“? JZunges Blut verſteht das nicht. Fleiſchtöpfe
Agyptens? ! ille terrarum mihi praeter omnes**. ſprach
der Hund zum Stall, in dem er ſieben Fahre gelegen.“
„Ich verſteh' Euch allerdings nicht“, ſprach Ekkehard.
„Was ſchuf Euch ſolche AUnderung der Sinnesart?“ Er
warf einen Seitenblick auf das Fagdgerät.
„Die Zeit“, gab der Leutprieſter zurück und klopfte
ſeinen Gangfiſch auf dem Eichentiſch mürb, — „die Zeit
und wachſende Erkenntnis. Das braucht Ihr aber Eurem
Abte nicht zu berichten. Bin auch einmal ein Burſch ge—
weſen wie Ihr, Irland zieht fromme Leute, ſie wiſſen's
hierzulande. Eheu, wie war ich untadligen Gemütes,
wie ich mit Oheim Marcus von der Wallfahrt gen Rom
zurückkam'o. Hättet den jungen Moengal ſehen ſollen,
die ganze Welt war ihm keinen Gründling wert, aber
Pfallieren, Vigilien ſingen, geiſtliche Übungen halten: das
war mein Labſal. Da ritten wir in Gallus' Kloſter ein —
einem heiligen Landsmann zu Ehren macht ein braver
Irländer ſchon ein paar Meilen um, — ich aber bin ganz
dort hängengeblieben. Kleider, Bücher, Gold und Wiſſen,
* Eicero in der zweiten Catilinariſchen Rede. — ** Aus einer Ode des
Horaz (II, 6): „Dies Plätzchen gefällt mir vor allen“
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