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108 Ekkehard.
Luft hatten für den, der einer Herzogin entgegen ſollte,
wenig Verſtrickendes. Er brach auf.
„Ich geh' mit Euch bis an des Pfarrſprengels Grenze“,
ſagte der Leutprieſter, „heute dürft Ihr mir noch zur Seite
gehen, trotz meines verblichenen Gewandes; wenn Ihr
auf dem Berg droben feſtſitzet, dann werdet Ihr meinen,
die Verklärung ſei über Euch gekommen, und werdet ein
vornehmer Herr werden, und wenn Ihr dereinſt an Frau
Hadwigs Seite gen Radolfs Zelle geritten kommet, und
der alte Moengal ſteht an der Schwelle, ſo wird ihm eine
gnädige Handbewegung als Almoſen zugeworfen — der
Welt Lauf! Wenn der Heuerling groß geworden, heißt
er Felchen und frißt die Kleinen ſeines Geſchlechts.“
„Das ſollt Ihr nicht ſagen“, ſprach Ekkehard und küßte G
den iriſchen Mitbruder.
Da gingen ſie zuſammen, und der Leutprieſter nahm
ſeine Leimruten mit, im Rückweg den Bögeln des Wal⸗-
des Nachſtellung zu bereiten. Es war ein langer Weg
durch den Tannenwald, lang und ſtill.
Wie ſich das Gehölz lichtete, da ſtand in dunkler Maſſe
der hohe Twiel und warf ihnen ſeinen Schatten entgegen.
Moengal aber ſchaute mit ſcharfem Aug' den Waldpfad
entlang durch die Lichtung der Tannen. „Es ſtreicht was
durchs Revier“, ſprach er.
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Sie waren wieder etliche Schritte gegangen, da griff 25
Moengal ſeinen Gefährten am Arm, ſtellte ihn, deutete
vorwärts und ſprach: „Das ſind keine Wildenten noch
Tiere des Waldes!“
Es kam ein Ton herüber, als wenn fernab ein Roß
gewiehert.. Moengal ſprang ſeitwärts, ſchlich ſich ein
gut Stück im jungen Gehöoͤlz vorwärts, legte ſich auf den
Boden und ſpähte.
„Weidmanns Torheit“, ſprach Ekkehard und wartete
ſeiner. Jetzt kam er zurück. „Bruder“, ſprach er „liegt der
heilige Gall in Fehde mit einem der Gewaltigen dieſes 2.
Land es?“
„Nein.“
„Habt Ihr einen beleidigt?“
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