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7. Virgilius auf dem hohen Twiel. 115
Der Tür gegenüber war mit Kohle ein Sprüchlein an
die Wand geſchrieben. „Martha, Martha, du machſt dir
um vielerlei Sorge und Unruh'’!“ las Ekkehard; „ſoll das
des Verſtorbenen letzter Wille ſein?“ frug er ſeine liebliche
5⁶ Wegweiſerin.
Praxedis lachte: „'s war gar ein behaglicher Herr“,
ſprach ſie, „der Herr Vincentius ſelig. Ruhe iſt mehr wert
als ein Talent Silbers's, hat er oft geſagt. Die Frau
Herzogin aber hat ihm arg zugeſetzt, immer gefragt und
io was anderes gefragt: heut von den Sternen am Himmel,
morgen von Arzneikraut und Heilmitteln, übermorgen
aus der Heiligen Schrift und Überlieferung der Kirche —
wozu habt IZhr ſtudiert, wenn Ihr keinen Beſcheid wiſſet?“
dräute ſie, und Herr Vincentius hat einen ſchweren Stand
1s gehabt —“
Praxedis deutete ſchalkhaft mit dem Zeigefinger nach
der Stirn — .
„Mitten im Land Aſia“, hat er meiſtens erwidert,
„liegt ein ſchwarzer Marmelſtein; wer den aufhebt, der
20 weiß alles und braucht nicht mehr zu fragen.. . Er war
aus Bayerland, der Herr Vincentius, den Bibelſpruch
hat er wohl zu ſeinem Troſt hingeſchrieben.“
„Pflegt die Herzogin ſo viel zu fragen?“ ſprach Ekke-
hard zerſtreut.
25 „hr werdet's wahrnehmen“, ſagte Praxedis. .
Ekkehard muſterte die zurückgebliebenen Bücher. „Es
tut mir leid um die CTauben, die werden abziehen müſſen.“
„Warum?“
„Sie haben das ganze erſte Buch des, Galliſchen Kriegs
50 verdorben, und der Brief⸗ an die Korinther iſt mit untilg—
baren Flecken belaſtet ...
„Iſt das ein großer Schaden?“ frug Praxedis.
„Ein ſehr großer!“
„O ihr arme böſe Tauben“, ſcherzte die Griechin,
35 „kommt her zu mir, eh' der fromme Mann euch hinaus-
jagt unter die Häher und Falken.“
Und ſie lockte den Vögeln, die unbefangen i in der Bücher⸗
niſche verblieben waren, und wie ſie nicht kamen, warf ſie
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