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116 Eikehard.
einen weißen Wollknäuel auf den Liſch, da flog der Tauber
herüber, vermeinend, es ſei eine neue Taube angekommen,
und ging dem Knäuel mit gemeſſenen Schritten entgegen,
zwei vor und einen zurück, und verbeugte ſich und grüßte
mit langgezogenem Gurren. Praxedis aber nahm den
Knäuel an ſich, da flog ihr der Vogel auf den Kopf.
Da hub ſie leiſe an, eine griechiſche Singweiſe zu ſum⸗
men; es war das Lied des alten, ewig jungen Sängers
von Tejos*: L
J „Ei ſieh, du holdes Täubchen,
Wo kommſt du hergeflogen?
Woher die Salbendüfte,
Die du, die Luft durchwandelnd,
Aushauchſt und niederträufelſt?
Wer biſt du? was beliebt dir?“
Ekkehard horchte hoch auf und warf einen ſchier er⸗
ſchrockenen Blick von dem Kodex, den er durchblätterte,
herüber; wäre ſein Aug' für natürliche Anmut geübter ge⸗
weſen, ſo hätt' es wohl länger auf der Griechin haften
dürfen. Der Tauber war ihr auf die Hand gehüpft, ſie
hielt ihn mit gebogenem Arm in die Höhe — Anakreons
alter Landsmann, der dereinſt den pariſchen Marmorblock
zur Venus von Knidos umſchuf, hätte das Bild dauernd
ſeinem Gedächtnis eingeprägt.
„Was ſingt Ihr?“ fragte Ekkehard. „Das klingt ja wie
fremde Sprache.“
„Warum ſoll's nicht ſo klingen?“
„Griechiſch?!“
„Warum ſoll ich nicht Griechiſch ſingen?“ gab ihm Pra⸗
xedis ſchnippiſch zurück.
„Bei der Leier des Homerus“, ſprach Ekkehard ver—
wundert, „wo in aller Welt habt IZhr das erlernet, unſerer
Gelehrſamkeit höchſtes Ziel?“
„SZu Hauſe!. “ ſagte Praxedis gelaſſen und ließ die
Taube zurückfliegen.
Da ſchaute Ekkehard noch einmal in ſcheuer Hochach-
à Moòsv, guln nes
Modᷣev, oρ ποα; uſw.
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