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11 8 G Ekkehard.
ihrer Rede lag meiſtens eine Schärfe, die das Wort der
Erwiderung im Munde abſchnitt. —
Die Herzogin war ſtreng und genau in allem. Schon
in den erſten Tagen nach Ekkehards Ankunft entwarf ſie
einen Plan, in welcher Art ſie zur Erlernung der latei⸗
niſchen Sprache vorſchreiten wolle. Da fanden ſie es am
beſten, eine Stunde des Tages der löblichen Grammatik
zu beſtimmen, eine zweite der Leſung des Virgilius. Auf
letztere freute ſich Ekkehard ſehr, er gedachte ſich zuſam⸗
mengefaſſen und mit Aufbietung von Wiſſen, Schärfe
und Feinheit der Herzogin die Pfade des Verſtändniſſes
zu ebnen.
„Es iſt doch kein unnütz Werk“, ſprach er, „was die
alten Poeten getan; wie mühſam wäre es, eine Sprache
zu erlernen, wenn ſie uns nur im Wörterbuch überlie—
fert wäre, wie die Getreidekörner in einem Sack, und
wir die Mühe hätten, Mehl daraus zu malen und Brot
daraus zu backen... Der Poet aber ſtellt alles wohl—
gefügt an ſeinen Platz, da iſt fein erſonnener Plan und
Inhalt, und die Form klingt lieblich drein wie Saitenſpiel;
woran wir uns ſonſt die Zähne auszubeißen hätten, das
ſchlürfen wir aus Dichters Hand wie Honigſeim, und es
ſchmeckt ſüße.“
Das Herbe der Grammatik zu lindern, wußte Ekke-⸗
hard keinen Ausweg. Für jeden Tag ſchrieb er der Her—
zogin die Aufgabe auf ein NMergamentblatt, ſie war des
Lernens begierig, und wen edie Frühſonne über dem
Bodenſee aufſtieg und ihre erſten Strahlen auf den hohen
Twiel warf, ſtund ſie ſchon in des Fenſters Wölbung und
lernte, was ihr vorgeſchrieben war, leiſe und laut, bis zu
Ekkehards Saal klang einſt ihr einförmig Herſagen: amo,
amas, amat, amamus.
Praxedis aber hatte ſchwere Stunden. Sich zur An—
regung, aber ihr zu nicht geringer Langeweile, befahl ihr
Frau Hadwig, jeweils das gleiche Stück Grammatik zu
lernen. Kaum Schülerin, freute es ſie, mit dem, was ſie
erlernt, ihre Dienerin zu meiſtern, und nie war ſie zufrie—
dener, als wenn Praxedis ein Hauptwort für ein Bei—
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