Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke3/0120
7. Virgilius auf dem hohen Twiel. 119

wort anſah oder ein unregelmäßig Zeitwort regelmäßig

10

abwandelte. L
Des Abends kam die Herzogin hinüber in Ekkehards
Gemach. Da mußte alles bereit ſein zur Leſung des Vir-
gil, Praxedis kam mit ihr, und da in Vincentius' nach—
gelaſſenen Büchern ein lateiniſch Wörterbuch nicht vor-
handen war, ward ſie mit Anfertigung eines ſolchen

beauftragt, denn ſie hatte in jungen Tagen des Schrei⸗

bens Kunſt erlernt. Frau Hadwig war deſſen minder
erfahren: „Wozu wären die geiſtlichen Männer“, ſprach
ſie, „wenn ein jeder die Kunſt verſtünde, die ihrem Stand
zukommt? Schmieden ſollen die Schmiede, fechten die
Krieger und ſchreiben die Schreiber, und ſoll kein Durch—
einander entſtehen.“ Doch hatte Frau Hadwig ſich wohl⸗

15 geübt, ihren Namenszug in künſtlich verſchlungenen gro⸗

ßen Buchſtaben den ſiegelbehangenen Urkunden als Herrin
des Landes beizufügen.
Praxedis zerteilte eine Pergamentrolle in kleine Blät-
ter, zog auf jedes Blatt zwei Striche, alſo, daß drei Abteilun-
gen geſchaffen wurden, um nach Ekkehards Vortrag jedes
lateiniſche Wort einzutragen, daneben das deutſche, in die
dritte Reihe das entſprechende griechiſch. Letzteres war
der Herzogin Anordnung, ihm zu beweiſen, daß die Frauen
auch ohne ſeine Beihilfe ſchon löbliche Kenntnis erworben.
So begann der Unterrichtnn.
Die Türe von Ekkehards Gemach nach dem Gang hin
hatte Praxedis weit aufgeſperrt. Er ging hin und wollte
ſie zulehnen, die Herzogin aber hielt ihn zurück: „Kennet
Ihr die Welt noch nicht?“
Ekkehard wußte nicht, was das heißen ſolle.
Jetzt las er ihnen das erſte Buch von Virgilius' Hel⸗
dendichtung. Äneas, der Troer, hub ſich vor ihren Augen,
wie ihn ſiebenjährige Irrfahrt umhergeſchleudert auf dem
Tyrrhener Meer und wie es ſo unſäglicher Mühſal gekoſtet,
des römiſchen Volkes Gründer zu werden. Es kam der
Zorn der JZuno, wie ſie an AÄolus bittweiſe ſich wendet
und dem Gebietiger von Wind und Sturm die ſchönſte
ihrer Nymphen verſpricht, wenn er der Troer Schiffe


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke3/0120