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122 Eittehard.
Schifflein zertrümmert werden, und muß den AÄolus durch
Antragung einer Nymphe verführen. . und Neptun
will Herrſcher der Meere ſein und läßt ſich von frem—
dem Gewind Sturm und Wetter in ſein Reich blaſen und
merkt's erſt, wie es faſt vorbei iſt — was iſt all das für
ein Weſen? Als Herzogin ſag' ich Euch, in dem Reich,
deſſen Götter geſcholten werden, möcht' ich den Scepter
nicht führen.“
Ekkehard ſchien um eine Antwort verlegen. Was das
Altertum an Schriftwerk überliefert, ſtand ihm da als
ein Feſtes, Unerſchütterliches, wie altes Gebirg'; er war
zufrieden, ſich in Bedeutung und Verſtändnis einzuar-
beiten, — nun ſolche Zweifel!
„Erlaubet, Herrin“, ſprach er, „wir haben noch nicht
weit geleſen, es ſteht zu hoffen, daß Euch die Menſchen
der Äneis beſſer gefallen. Wollet auch bedenken, daß zur
Zeit, wo Auguſtus, der Kaiſer, ſeine Untertanen auf—
zeichnen ließ, das Licht der Welt zu Bethlehem zu leuch-
ten anhub; es geht die Sage, daß auch auf Virgilius ein
Strahl davon gefallen, da mochten ihm die alten Götter
nicht mehr groß ſein...
Frau Hadwig hatte geſprochen nach dem erſten Ein-
druck. Mit dem Lehrer ſtreiten mochte ſie nicht.
„Praxedis“, ſprach ſie ſcherzend, „was iſt deine Mei⸗
nung?“
„Mein Denken geht nicht ſo hoch“, ſprach die Griechin.
„Mir kam alles ſo natürlich vor, drum war mir's lieb.
Und am beſten hat mir gefallen, wie die Frau Zuno ihrer
NRymphe den Aolus zum Ehgemahl verſchafft; wenn er
auch ein wenig alt iſt, ſo iſt er doch ein König der Winde
und ſie iſt gewißlich gut bei ihm verſorgt geweſen ..“
v„Gewiß! —“ ſprach Frau Hadwig und winkte ihr, zu
ſchweigen. „Nun wiſſen wir doch auch, wie Kammer⸗
frauen den Virgilius leſen.“
Ekkehard war durch der Herzogin Widerſpruch zu grö⸗
ßerem Eifer gereizt. Mit Begeiſterung las er am Abend
des weiteren, wie der fromme Aneas auf Erſpähung des
libyſchen Landes auszog und ihm ſeine Mutter Venus
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