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7. VBirgilius auf dem hohen Twiel. 123
entgegentritt in Gewand und Waffen einer Sparterjung-
frau, den leichten Bogen um die Schulter, den wallenden
Buſen kaum in des aufgeſchürzten Gewandes Knüpfung
verborgen — und wie ſie des Sohnes Schritt der tyri⸗
ſchen Fürſtin entgegenlenkt. Und weiter las er, wie
Aneas zu ſpät die göttliche Mutter erkannte — vergebens
ruft er ihr nach, ſie aber hüllt ihn in Nebel, daß er uner—
kannt zur neuen Stadt gelange .wo die Tyrerin zu
Junos Ehren den mächtigen Tempel gründet, ſteht er
und ſchaut, von Künſtlerhand gemalt, die Schlachten von
Troja; am leeren Abbild vergangener Kampfarbeit wei—
det ſich ſeine Seele.
Jetzt naht ſie ſelber, Dido, die Herrin des Landes, an—
treibend das Werk und die künftige Herrſchaft:
„Und an der Pforte der Göttin, bedeckt vom Gewölbe des Tempels,
Saß ſie, mit Waffen umſchart, auf des Thrones hochragendem
Seſſel,
Urteil ſprach ſie den Männern und Recht, und le Mühen der Arbeit
Teilte ſie jeglichem gleich nach Billigkeit...“
„Leſet mir das nochmals“, ſprach die Herzogin. Ekke⸗
hard wiederholte es.
„Steht's ſo geſchrieben?“ frug ſie. „Ich hätte nichts
eingewendet, wenn Ihr’'s ſelber ſo eingeſchaltet hättet.
Glaubt' ich doch ſchier ein Abbild eigener Herrſchaftfüh—
rung zu hören... Mit den Menſchen Eures Dichters bin
ich wohl zufrieden.“
„Es wird wohl leichter ſein, ſie abzuzeichnen als die
Götter“, ſprach Ekkehard. „Es gibt ſo viel Menſchen auf
der Welt...“
Sie winkte ihm, fortzufahren. Da las er, wie des
Aneas Gefährten herankamen, der Königin gaſtlichen
Schutz anflehend, und wie ſie ihres Führers Ruhm kün—
den, der, von der Wolke verhüllt, nahe ſtand.
Und Dido öffnet ihre Stadt den Hilfeſuchenden, und
der Wunſch ſteigt in ihr auf: Wäre doch ſelbſt der König,
vom ſelbigen Sturme gedränget, euer AÄneas allhier!
alſo, daß ſehnendes Verlangen den n Helden treibt, die
Wolke zu durchbrechen..
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