http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke3/0130
10
15
8. Audifax. 129
„Nein.“
Seit vier Tagen iſt der heilige Mann in der Burg, der
weiß allen Zauber. Ein großes Buch hat er mitgebracht,
das lieſt er unſerer Herzogin vor, da ſteht alles drin ge—
ſchrieben, wie man die in der Luft zwingt und die in der
Erde und die im Waſſer und Feuer, die lange Friderun
hat's den Knechten heimlich erzählt, die Herzogin hab' ihn
verſchrieben, daß das Herzogtum feſter werde und größer,
und daß ſie jung und ſchön bleibe und ewig zu leben
komme.
„Ich will zum heiligen Mann gehen“, ſprach Audifax.
„Sie werden dich ſchlagen“, warnte Hadumoth.
„Sie werden mich nicht ſchlagen“, ſagte er, „ich
weiß etwas, das biet' ich ihm, wenn er mir den Zauber
weiſt..“ L
Es war Abend worden. Die Kinder ſtanden von ihrem
Steinſitz auf — Ziegen und Gänſe wurden zuſammenge-
rufen, wohlgeordnet, wie eine Heerſchar, zogen ſie den
Burgweg hinauf und rückten in ihren Ställen ein. —
Desſelben Abends las Ekkehard der Herzogin den
Schluß des erſten Buchs der Äneide, den Herr Spazzo
tagszuvor unterbrochen: wie die Sidonierin Dido erſtaunt
bei des Helden Anblick ihn und die Seinen unter ihr gaſt-
lich Dach einladet, und beifällig nickte Frau Hadwig zu
Didos Worten:
„Mich auch hat ein gleiches Geſchick durch mancherlei Trübſal
Umgeſchüttelt und endlich im Lande hier ruhen geheißen;
Fremd nicht blieb ich dem Kummer und lernt' Unglücklichen
beiſtehn.“
Jetzt ſendet Aneas den Achates zu den Schiffen, daß
er's dem Sohn Ascanius anſage, denn ganz auf Ascanius
ruht die zärtliche Sorge des Vaters. Frau VBenus aber be⸗
wegt neue Liſt im Buſen, in Didos Herz ſoll der Liebe
Flamme entzündet werden, da entrückt ſie den Ascanius
weit in den Hain Idalia und wandelt den Gott der Liebe
in Ascanius' Geſtalt, die Flügel legt er ab, an Schritt und
Gang ihm gleich ſtellt er ſich mit den Troern in Karthagos
Königsburg und eilt zur Königin hin —
Scheffel. HI. 9
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke3/0130