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130 Ekkehard.
„mit den Augen an ihm, mit der Seele
Haftet ſie, oft auch im Schoß erwärmt ihn Dido und weiß nicht,
Welch ein Gott ihr genaht, der Elenden! Er, ſich erinnernd
Dein, acidaliſche Mutter, vertilgt des Sichäus Gedächtnis
Allgemach und mit lebender Glut zu gewinnen verſucht er
Ihr längſt kühleres Herz und der Seel' entwöhnete Regung“.
„Haltet ein“, ſprach Frau Hadwig. „Das iſt wieder
recht ſchwach ausgeſonnen.“
„Schwach?“ frug Ekkehard.
„Was braucht's den Gott Amor ſelber“, ſprach ſie.
„Könnt' es ſich nicht ereignen, daß auch ohne Trug und
Liſt und ſein Einſchreiten des erſten Gemahls Gedächtnis
in einer Witib Herzen zurückgedrängt würde?“
„Wenn der Gott ſelbet das Unheil anſtiftet“, ſprach
Ekkehard, „ſo iſt Frau Dido entſchuldigt und ſozuſagen ge⸗
rechtfertigt — das hat wohl der Dichter andeuten wol⸗—
len...“ Ekkehard mochte glauben, er habe eine feine
Bemerkung gemacht. Frau Hadwig aber ſtand auf. „Das
iſt etwas anderes“, ſprach ſie ſpitzig, „ſie bedarf alſo
einer Entſchuldigung. An das habe ich nicht gedacht.
Gute Nacht!“
Stolz ging ſie durch den Saal, vorwurfsvoll rauſchte
ihr langes Gewand. „Sonderbar“, dachte Ekkehard, „mit
Frauen den teuern VBirgilius leſen, hat Schwierigkeit.“
Weiter gingen ſeine Gedanken nicht...
Andern Tags ſchritt er durch den Burghof, da trat
Audifax, der Hirtenknabe zu ihm, hob das Ende ſeines Ge⸗
wandes, küßte es und ſah fragend an ihm hinauf.
„Was haſt du?“ frug Ekkehard.
„Ich möcht' den Zauber haben“, ſprach Audifar
ſchüchtern.
„Was für einen Zauber?“
„Den Schatz zu heben in der Liefe.“
„Den möcht' ich auch haben“, ſprach Ekkehard lachend.
„O, Ihr habt ihn, heiliger Mann“, ſprach der Knabe.
„Habet IZhr nicht das große Buch, aus dem Ihr unſerer
Herrin des Abends vorleſet?“
Ekkehard ſchaute ihn ſcharf an, er ward mißtrauiſch
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