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8. Audifax. 133
glänzte ſeltſam: „Ich bin beim heiligen Mann geweſen“,
raunte er ihr ins Ohr, „heute nacht heben wir den Schatz,
du gehſt mit.“ Hadumoth verſprach's ihm.
Der dienenden Leute Nachteſſen in der Geſindeſtube
war zu Ende; gleichzeitig ſtanden ſie alle von ihren Bän—
ken auf und ſtellten ſich in die Reihe; zu unterſt waren
Audifax und Hadumoth geſeſſen, die junge Hirtin ſprach
den grobkörnigen Menſchen das Gebet vor, ſie zitterte
heut mit der Stimme...
Eh' der Tiſch abgeräumt war, huſchte es wie zwei
Schatten zu dem noch unverſchloſſenen Burgtor hinaus,
es waren die zwei Kinder, Audifax ging voran. „Die Nacht
wird kalt ſein“, hatte er zu Hadumoth geſagt und ihr ein
langhaariges Ziegenfell umgeworfen. Da, wo der Berg
jäh nach Süden hin abfällt, war ein alter Erdwall gezogen,
dort machte Audifax halt — ſie waren vor dem Herbſt—
wind geſchützt. Er ſtreckte ſeinen Arm in gerader Richtung
aus: „Ich meine, hier ſoll's ſein!“ ſprach er. „Wir müſſen
noch lang' warten, bis Mitternacht.“
Hadumoth ſprach nichts. Die beiden ſetzten ſich dicht
nebeneinander. Der Mond war aufgegangen, ſein Licht
zitterte durch halbdurchſichtiges Gewölk. Auf der Burg
oben waren etliche Fenſter hell, ſie ſaßen wieder über dem
Virgilius droben... am Berg war's ſtill, ſelten ſtrich der
Schleiereule heiſerer Ruf herüber. Nach langer Friſt fragte
Hadumoth ſchüchtern: „Wie wird's werden, Audifax?“
„Ich weiß nicht“, war die Antwort. „Es wird einer
herkommen und wird ihn herbringen, oder die Erde tut
ſich auf und wir ſteigen hinunter, oder...“
„Sei ſtill“, ſprach Hadumoth, „ich fürcht' mich.“
Und wieder war eine gute Friſt vergangen, Hadumoth
hatte ihr Haupt an Audifax' Bruſt gelehnt und war ein—
geſchlummert, er aber rieb ſich den Schlaf aus den Augen,
dann ſchüttelte er ſeine Gefährtin. „Hadumoth“, ſprach
er, „die Nacht iſt lang, erzähl' mir was.“
„Mir iſt was Böſes eingefallen“, ſprach ſie. „Es war
einmal ein Mann, der ging pflügen ums Morgenrot, da
pflügte er den Goldzwerg aus der Furche, der ſtand vor
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