http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke3/0138
9. Die Waldfrau. 137
und Tannreis, tauchte ihn in das Gefäß mit Blut, ſprengte
dreimal der Sonne entgegen, dreimal über die Männer,
ann goß ſie des Gefäßes Inhalt in das Wurzelwerk der
iche.
5 Die Männer hatten ihre Krüge ergriffen, ſie rieben
ſie in einförmiger Weiſe dreimal auf dem geglätteten
Fels, daß ein ſummendes Getön entſtand, hoben ſie gleich
zeitig der Sonne entgegen und tranken aus; im gleichen
Takte ſetzte jeder den Krug nieder, es klang wie ein ein⸗
10 ziger Schlag. Dann warf ein jeglicher ſeinen Mantel
um, ſchweigend zogen ſie den Fels hinab ⸗.
Es war die Nacht des erſten November.
Wie es ſtill geworden auf dem Platz, wollten die Kin—
der vortreten zur Waldfrau. Audifax hatte ſein Streif—
15 lein Pergament zur Hand genommen — aber das Weib
riß einen Feuerbrand aus der Aſche und ſchritt ihnen
drohend entgegen.
Da flohen ſie in Haſt den Berg hinunter.
Neuntes Kapitel.
20 Die Waldfrau.
Audifax und Hadumoth waren in die Burg von Twiel
zurückgekehrt. Ihres nächtlichen Ausbleibens war nicht
geachtet worden. Sie ſchwiegen von den Begegniſſen
jener Nacht. Auch unter ſich. Audifax hatte viel nachzu—
25 denken.
In ſeiner Ziegen Hut war er ſäumig. Eine ſeiner
Untergebenen verlief ſich nach den platten Hügeln hin, die
den Lauf des dem Bodenſee entſtrömenden Rheines um⸗
ſäumen. Da ging er, ſie zu ſuchen; einen Tag blieb er
30 aus, dann kehrte er mit der Entronnenen zurück.
Hadumoth freute ſich des Erfolges, der ihrem Gefähr-
ten Schläge erſparte. Der Winter kam mählich heran,
die Tiere blieben im Stall. Eines Tages ſaßen die Kinder
am Kaminfeuer in der Knechtſtube. Sie waren allein.
35 „Du denkſt noch immer an Schatz und Spruch?“ ſagte
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke3/0138