http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke3/0139
138 Ekkehard.
Hadumoth. Da zog ſie Audifax geheimnisvoll zu ſich:
„Der heilige Mann hat doch den rechten Gott!“ ſprach er.
„Warum?“ frug Hadumoth.
Er ging in ſeine Kammer hinüber; im Stroh ſeines
Lagers hatte er allerhand Geſtein untergebracht, er griff
einen heraus und brachte ihn herüber: „Schau an!“ ſprach
er. Es war ein glimmeriger grauer Schieferſtein, er um—
ſchloß die Reſte eines Fiſches, in zartem Umriß waren
Haupt, Floſſen und Gräten dem Schiefer eingedrückt. Den
hab' ich drüben am Schiener Berg's mitgenommen, da
ich die Ziege ſuchen ging. Der muß von der Flut ſein,
von der der Bater Vincentius einmal gepredigt hat, und
die Flut hat der Herr Himmels und der Erde über die
Welt gehen laſſen, da er den Noah das große Schiff
bauen ließ, davon weiß die Waloͤfrau nichts.
Hadumoth wurde nachdenklich: „Dann iſt die Wald—
frau ſchuld, daß uns die Sterne nicht in den Schoß gefallen
ſind, wir wollen ſie beim heiligen Mann verklagen.“
Da gingen die beiden zu Ekkehard und berichteten ihm,
was in jener Nacht auf dem Hohenkrähen vorgegangen.
Er hörte ſie freundlich an. Des Abends erzählte er's der
Herzogin. Frau Hadwig lächelte.
HvSie haben einen ſeltſamen Geſchmack, meine treuen
Untertanen“, ſprach ſie. „Überall ſind ihnen ſchmucke
Kirchen gebaut, ſanft und eindringlich wird das Wort
Gottes verkündet, ſtattlicher Geſang, große Feſte, Bitt—
gänge mit Kreuz und Fahnen durch wogendes Kornfeld
und Flur, — und doch iſt's nicht genug. Da müſſen ſie
noch in kalter Nacht auf ihren Berggipfeln ſitzen und
wiſſen ſelber nicht, was ſie dort treiben, außer daß Bier
10
15
20
25
30
getrunken wird. Wir kennen das. Was haltet Ihr von
der Sache, frommer Ekkehard?“
„Aberglaube!“ ſprach der Gefragte, „den der böſe
Feind noch immer in abtrünnige Gemüter ſäet. Ich hab
in unſern Büchern geleſen von den Werken der Heiden,
wie ſie im Dunkel der Wälder, an einſamen Wegſcheiden
und Quellen und ſelbſt an den dunkeln Gräbern der Toten
ihre zaub'riſchen Liſten treiben.“
35⁵
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke3/0139