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9. Die Waldfrau. 139
„Sie ſind keine Heiden mehr“, ſagte Frau Hadwig.
„Ein jeder iſt getauft und ſeinem Pfarrherrn zugewieſen.
Aber es lebt noch ein Stück alte Erinnerung in ihnen,
die iſt ſinnlos geworden und zieht ſich doch durch ihr
Denken und Tun, gleich dem Rhein, wenn er in Winters—
zeit tief unter des Bodenſees Eisdecke geräuſchlos weiter
fließt. Was wollt Ihr mit ihnen beginnen?“
„Vertilgen!“ ſprach Ekkehard. „Wer ſeinen Chriſten—
glauben bricht und dem Gelübde ſeiner Taufe untreu
wird, ſoll fahren in die ewige Verdammnis.“
„Halt an, junger Eiferer“, ſagte Frau Hadwig; „mei-
nen Hegauer Mannen ſollt Ihr darum das Haupt noch
nicht abſchlagen, daß ſie die erſte Nacht des Herbſtmonats
lieber auf dem kalten hohen Krähen ſitzen, als auf ihrem
Strohlager ſchlafen; ſie tun doch, was ſie müſſen, und
ſchon im Heerbann des großen Kaiſer Karl haben ſie
dereinſt gegen die heidniſchen Sachſen gefochten, als wär'
ein jeder zum erleſenen Rüſtzeug der Kirche geweiht.“
„Mit dem Teufel“, rief Ekkehard hochfahrend, „iſt kein
Friede. Wollet Ihr lau im Glauben ſein, Herrin““
„Im Regieren einer Landſchaft“, ſprach ſie mit leiſem
Spott, „lernt ſich manches, das in-Euren Büchern nicht
ſteht. Wißt Ihr auch, daß der Schwache wirkſamer durch
ſeine Schwäche geſchlagen wird als durch die Schneide
des Schwerts? Wie der heilige Gallus einſt in die Trüm⸗-
mer von Bregenz drüben einzog, da lag der heiligen Aure-
lia Altar zerſtört, drei eherne Götzenbilder ſtunden auf⸗-
gerichtet; um den großen Bierkeſſel, der niemals fehlen
darf, ſo oft man hierlands in alter Weiſe fromm ſein
will, ſaßen ſie und tranken. Der heilige Gall hat keinem
ein Leides getan, aber ihre Bilder hat er in Stücke geſchla⸗
gen und hinausgeſchleudert, daß ſie ziſchend einfuhren
ins grüne Gewoge des Sees, und in ihren Bierkeſſel hat
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er ein Loch gehaucht und das Evangelium gepredigt an
derſelben Stelle; es fiel kein Feuer vom Himmel, ihn
zu verzehren, ſie aber ſahen, daß ihre Sache nichts war,
und bekehrten ſich¹t. Verſtändig ſein heißt nicht lau im
Glauben ſein...“
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