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140 Ekkehard.
„Das war damals“ begann Ekkehard.
„Und itzt“ — fiel ihm Frau Hadwig ins Wort, „itzt
ſteht die Kirche aufgerichtet vom Rhein bis ans nördliche
Meer, ſtärker als die Kaſtelle der Römer zieht ſich eine
Kette von Klöſtern durchs Land, Feſtungen des Glaubens;
bis in die Wildniſſe des Schwarzwalds iſt längſt das
Wort chriſtlicher Bekenner gedrungen, was wollt Ihr mit
den Nachzüglern vergangener Zeiten ſo ſchweren Kampf
fechten¹?“
„So belohnet ſie denn“, ſprach Ekkehard bitter.
„Belohnen?“ ſagte die Herzogin. „Zwiſchen entweder
und oder führt noch manches Sträßlein. Wir müſſen ein-
ſchreiten gegen den nächtlichen Unfug. Warum? Kein Reich
mag gut beſtehen bei zweierlei Glauben, das führt die
Gemüter gegeneinand in Schlachtordnung und iſt unnötig,
ſolange draußen Feinde genug lauern. Des Landes Geſetz
hat ihnen das törichte Weſen unterſagt, ſie ſollen merken,
daß unſer Gebot und Verbot nicht in Wind geſprochen iſt.“
Ekkehard ſchien von dieſer Weisheit nicht befriedigt.
Ein Zug von Mißmut flog über ſein Antlitz.
„Höret“, fuhr die Herzogin fort, „was iſt Eure Mei—
nung von der Zauberei überhaupt?“
„Die Zauberei“, ſprach Ekkehard mit Ernſt und ſchwe⸗
rem Atemzug, der auf den Vorſatz einer längeren Rede
zu deuten ſchien, „iſt eine verdammliche Kunſt, wodurch
der Menſch ſich die Dämonen, die allenthalb in der Natur
walten und niſten, dienſtbar macht. Auch im Unlebendi⸗—
gen ruht Lebendiges verborgen, wir hören es nicht und
ſehen es nicht, aber verführend weht es an unbewachtes
Gemüt, mehr zu erfahren und mehr zu wirken, als ein
treuer Knecht Gottes erfahren und wirken kann — das
iſt das alte Blendwerk der Schlange und der Mächte der
Finſternis; wer ſich ihnen zu eigen macht, kann ein Stück
von ihrer Gewalt erlangen, aber er herrſcht über die Teu⸗
fel durch deren Oberſten und verfällt ihm, wenn ſeine
Zeit aus iſt. Darum iſt die Zauberei ſo alt wie die Sünde,
und ſtatt daß der eine wahre Glaube ſei auf der Welt und
die eine Mildigkeit der Werke, anzubeten den dreieinigen
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