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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke3/0143
142 Ekkehard.

Gipfel des hohen Krähen. Drei wie Stufen geſchichtete
Klingſteinplatten führten ins Innere. Es war eine hohe

dunkle Stube. Viel getrocknete Waldkräuter lagen auf-

gehäuft, würziger Geruch entſtrömte ihnen; drei weißge—
bleichte Pferdeſchädel grinſten geſpenſtig von den Pfeilern
der Wand herab'“s, ein rieſig Hirſchgeweih hing dabei. In
den hölzernen Türpfoſten war ein verſchlungenes Doppel⸗-
dreieck geſchnitten. Ein zahmer Waldſpecht hüpfte in der

Stube umher, ein Rabe, dem die Schwingen gekürzt,

war ſein Genoſſe.
Die Inwohnerin ſaß am glimmenden Feuer des Her⸗
des und nähte an einem Gewand. Ein hoher behauener,
halb verwitterter Stein ſtand ihr zur Seite. Von Zeit
zu Zeit bückte ſie ſich zum Herde und hielt ihre magere
Hand über die Kohlen; Novemberkälte lag auf Berg und
Wald. Die Zweige einer alten Buche neigten ſich ſchier
zum Fenſter herein, ein leiſer Windeshauch bewegte ſie,
das Laub war herbſtgelb und morſch und zitterte und
brach ab, etliche welke Blätter wirbelten in die Stube.
Und die Waldfrau war einſam und alt und mochte
frieren: „Da liegt ihr nun verachtet und welk und tot“,
ſprach ſie zu den Blättern, „und ich gleiche euch.“ Ein
frerndartiger Zug umflog ihr runzlig Antlitz. Sie dachte
vergangener Zeiten, da auch ſie jung und frühlingsgrün
geweſen und einen Liebſten gehabt — aber den hatte ſein
Schickſal weit hinausgetrieben aus dem heimiſchen Tann-
wald, raubende Nordmänner, die einſt mit Sengen und
Brennen den Rhein herauffuhren, hatten ihn und viel
andere Heerbannleute gefangen mitgeſchleppt, und er
war bei ihnen geblieben über Fahresfriſt und hatte den
Seemannsdienſt gelernt und war wild und trotzig ge—
worden in der Strandluft des Meeres, und wie ſie ihn

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wieder frei gaben, trug er die Nordſeeſehnſucht mit ſich

in ſchwäbiſchen Wald, — die Geſichter der Heimat ge—
fielen ihm nimmer wieder, die der Mönche und Prieſter
am wenigſten, und das Unglück fügte es, daß er in zor—
nigem Aufbrauſen einen wandernden Mönch erſchlug,
der ihn geſcholten, da war ſeines Bleibens nicht fürder.

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