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9. Die Waldfrau. 143

Der Waldfrau Gedanken hafteten heut immerdar auf
jener letzten Stunde, die ihn von ihr geſchieden. Da hat-
ten ihn die Gerichtsmänner vor ſeine Hütte im Weiter-
dinger Wald geführt, ſechshundert Schillinge ſollte er
als Wehrgeld für den Erſchlagenen zahlen, und wies ihnen
ſtatt deſſen Haus und Hofmark zu und ſchwur mit zwölf
Eideshelfern, daß er nichts unter und nichts ober der Erde
mehr zu eigen habe. Drauf ging er in ſein Haus, ſam—
melte eine Hand voll Erde, ſtand auf die Schwelle und
warf mit der Linken die Erde über ſeine Schultern auf
ſeines Vaters Bruder, als Zeichen, daß ſeine Schuld auf
dieſen ſeinen einzigen Blutsverwandten übergehen ſolle,

er aber griff einen Stab und ſprang im leinenen Hemde

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ohne Gürtel und Schuhe über den Zaun ſeines Hofes;
das Recht der chrene chruda'“ ſchrieb's ſo vor, und damit
war er ſeiner Heimat ledig und ging in Wälder und Wüſten

— ein landflüchtiger Mann, und ging wieder ins Dänen-

land zu ſeinen Nordmännern und kam nimmer zurück.
Nur eine dunkle Kunde ſagte, er ſei mit ihnen nach Island
hinübergefahren, wo die tapfern Seefahrer, die ihren

Nacken nicht beugen wollten vor neuem Glauben und

neuer Herrſchaft, ſich ein kaltes Aſyl gegründet.
Das war ſchon lange, lange her, aber der Waldfrau
war es, als ſähe ſie ihren Friduhelm noch, wie er ins
Wald esdunkel ſprang; ſie hatte damals ins Weiterdinger
Kirchlein einen Kranz von Eiſenkraut gehängt und viel
Tränen vergoſſen..kein anderer hatte ſein Bild aus

ihrer Seele verdrängt. Die traurige Fahreszeit gemahnte

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ſie an ein altes Nordmännerlied, das er ſie einſt gelehrt;
das ſummte ſie jetzt vor ſich hin:
„Der Abend kommt und die Herbſtluft weht,
Reifkälte ſpinnt um die Tannen,

O Kreuz und Buch und Mönchsgebet — —
Wir müſſen alle von dannen.

„Die Heimat wird dämmernd und dunkel und alt,
Trüb rinnen die heiligen Quellen:
Du götterumſchwebter, du grünender Wald,
Schon blitzt die Axt, dich zu fällen!


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