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9. Die Waldfrau. 145
ſchlimm um kranke Menſchen und krankes Tier und ſchlimm
um Abwehr nächtiger Unholde und Stillung liebender
Sehnſucht, wenn keine Kräuter wären.“
„Und Ihr ſeid getauft?“ fuhr Ekkehard ungeduldig fort.
5 „Sie werden mich auch getauft haben...“
„Und wenn Ihr getauft ſeid“, rief er mit erhobener
Stimme, „und dem Teufel verſagt habt und allen ſeinen
Werken und allen ſeinen Gezierden, was ſoll das?“ Er
deutete mit ſeinem Stab nach den Pferdeſchädeln an der
10 Wand und ſtieß einen heftig an, daß er herunterfiel und
in Stücke brach; die weißen Zähne rollten auf dem Fuß—
boden umher.
„Der Schädel eines Roſſes“, antwortete die Alte gelaſ⸗
ſen, „den Ihr jetzt zertrümmert habt. Es war ein junges
15 Tier, Ihr könnt's am Gebiß noch ſehen.“
„Und der Roſſe Fleiſch ſchmeckt Euch?“ frug Ekkehard.
„Es iſt kein unrein Tier“, ſagte die Waldfrau, „und
ſein Genuß nicht verboten.“
„Weib!“ rief Ekkehard und trat hart vor ſie hin — „du
20 treibſt Zauberkunſt und Hexenwerk!“
Da ſtand die Alte auf. Ihre Stirn runzelte ſich,
unheimlich glänzten die grauen Augen. „Ihr tragt ein
geiſtlich Gewand“, ſprach ſie, „Ihr möget mir das ſagen.
Gegen Euch hat eine alte Waldfrau kein Recht. Es heißt
25 ſonſt, das ſei ein groß Scheltwort, was Ihr mir ins Antlitz
geworfen, und das Landrecht büßt den Schelter'*w.“
Audifax war indeſſen ſcheu an der Tür geſtanden. Da
kam der Waldfrau Rabe auf ihn zugehüpft, ſo daß er
ſich fürchtete; er lief zu Ekkehard hin. Am Herde ſah er
30 den behauenen Stein. An einem Stein herumzuſpüren,
hätte ihn auch die Furcht vor zwanzig Raben nicht abge—
halten. Er hob das Gewand, das drüber gebreitet war.
Verwitterte Geſtalten kamen zum Vorſchein.
Ekkehard lenkte ſeinen Blick darauf.
35 Es war ein römiſcher Altar. Kohorten, die fern aus
üppigem aſiſchem Standlager des allmächtigen Kriegs—
herrn Gebot an den unwirtlichen Bodenſee verſetzt,
mochten ihn einſt in dieſen Höhen aufgeſtellt haben —
Scheffel. III. 10
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