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9. Die Waldfrau. 147
wird mancher in alten Tagen dort gekniet haben, aber itzt
hat ſich keiner mehr um ihn gekümmert, die Leute des
Waldes haben Holzäpfel drauf gedörrt und Späne drauf
geſpalten, wie's kam, und des Regens Unbill hat die Bil⸗
der verwaſchen. ‚Der Stein dauert mich, hat meine Mut-
ter geſagt, er war einmal was Heiliges; aber die Knochen
derer, die den Mann drauf gekannt und verehrt haben und
den Stein, ſind längſt weiß gebleicht, — es wird ihn frieren
den Mann mit dem fliegenden Mantel. Da haben wir
ihn ausgehoben und an Herd geſtellt: er hat uns noch
kein Leids gebracht. — Wir wiſſen, wie es den alten Göt-
tern zu Mut iſt, unſere gelten auch nicht mehr. Laßt hr
dem Stein ſeine Ruhe!“
„Eure Götter?“ fuhr Ekkehard in ſeinem Fragen fort
— „wer ſind Eure Götter?“
„Das müßt Ihr wiſſen“, ſprach die Alte. „Zhr habt
ſie vertrieben und in See gebannt: in der Fluten Tiefe
liegt alles begraben, der Hort alter Zeit und die alten
Götter, wir ſehen ſie nicht mehr und wiſſen nur noch
die Plätze, wo unſere Väter ſie verehrt, eh' der Franke
kam und die Männer in den Kutten. Aber wenn der
Wind die Wipfel des Eichbaums droben ſchüttelt, dann
kommt's wie Stimmen durch die Lüfte, das iſt ihr Kla—
gen — und in gefeiten Nächten rauſcht und brauſet es
und der Wald leuchtet, Schlangen winden ſich an den
Stämmen empor, da jagt's über die Berge wie ein Zug ver⸗
zweifelter Geiſter, die nach der alten Heimat ſchauen..“
Ekkehard bekreuzte ſich.
„Ich ſag's, wie ich's weiß“, ſprach die Alte. „Ich will
den Heiland nicht beleidigen; aber er iſt als ein Fremder
ins Land gekommen, Ihr dienet ihm in fremder Sprache,
die verſtehen wir nicht. Wenn er auf unſerem Grund
und Boden erwachſen wäre, dann könnten wir zu ihm
reden und wären ſeine treueſten Diener, und es ſtünd'
beſſer ums alemanniſche Weſen.“
„Weib!“ rief Ekkehard zürnend, „wir werden Euch
verbrennen laſſen ...“
„Wenn's in Euren Büchern ſteht“, war die Antwort,
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