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148 Ekkehard.
„daß das Holz des Waldes aufwächſt, um alte Frauen zu
verbrennen: ich hab' genug gelebt. Der Blitz hat neulich
Einkehr bei der Waldfrau genommen“ — fuhr ſie fort und
deutete auf einen ſchwärzlichen Streif an der Wand —
„der Blitz hat die Waldfrau verſchont.“
Sie kauerte am Herd nieder und blieb ſtarr und unbe-
weglich ſitzen. Die glühenden Kohlen warfen ein ſcharfes
Streiflicht auf die runzligen Züge.
„Es iſt gut!“ ſprach Ekkehard. Er verließ die Stube.
Audifax war froh, als er wieder blauen Himmel über ſich
ſah. „Dort ſind ſie geſeſſen!“ ſprach er und deutete den
Berg hinauf. „Ich werd's anſehen“, ſprach Ekkehard.
„Du gehſt zum hohen Twiel zurück und beſtellſt zwei
Knechte her mit Hacke und Beil und Otfried, den Diakon
von Singen, er ſoll eine Stola mitbringen und ſein
Meßbuch.“
Audifax ſprang davon. Ekkehard ſtieg auf den hohen
Krähen.
In der Burg zu gohentwiel war indes die Herzogin
an der Mittagstafel geſeſſen. Sie hatte oft unſtet herum—
geſchaut, als wenn ihr etwas fehle. Die Mahlzeit war kurz.
Wie Frau Hadwig mit Praxedis allein war, hub ſie an:
„Wie gefällt dir unſer neuer Lehrer, Praxedis?“
Die Griechin lächelte.
„Rede!“ ſprach die Herzogin gebietend.
„Ich hab' in Konſtantinopolis ſchon manchen Schul—
meiſter geſehen“, ſprach Praxedis wegwerfendͤ.
Frau Hadwig drohte mit dem Finger: „Ich werd' dich
aus meinen Augen verbannen ob ſo unehrerbietiger Rede.
Was haſt du über Schulmeiſter zu läſtern?“
„Verzeihet“, ſprach Praxedis, „es iſt nicht ſchlimm ge—
meint. Aber wenn ich ſo einen Mann der Bücher ſehe,
wie der ernſthaft einherſchreitet und einen Anlauf nimmt,
um aus ſeinen Schriften das herauszugraben, von dem
wir ungefähr auch ahnen, daß es kommen muß, und wie
er mit ſeinen Pergamenten zuſammengewachſen iſt, als
wär's ihm angetan worden, und ſeine Augen nur für die
Buchſtaben einen Blick haben und kaum für die Menſ chen,
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