http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke3/0150
9. Die Waldfrau. 149
die um ihn ſind: ſo ſteht mir das Lachen nahe. Wenn ich
nicht weiß, ob Mitleid am rechten Platze, ſo lach' ich.
Des Mitleids wird er auch nicht bedürfen, er verſteht ja
10
mehr als ich.“
„Ein Lehrer muß ernſt ſein“, ſagte die Herzogin, „das
gehört dazu, wie der Schnee zu unſern Alpen.“
„Ernſt, ja wohl!“ erwiderte die Griechin, „in dieſem
Land, wo der Schnee die Berggipfel deckt, muß alles ernſt
ſein. Wär' ich doch gelehrt wie Herr Ekkehard, um Euch
zu ſagen, was ich meine. Ich meine, man ſollte auch im
Scherz lernen können, ſpielend, ohne den Schweißtropfen
der Anſtrengung auf der Stirn. — was ſchön iſt, muß ge—
15
fallen und wahr zugleich ſein. Ich meine, das Wiſſen iſt
wie Honig, verſchiedene können ihn holen, der Schmetter-⸗
ling ſummt um den Blumenkelch und findet ihn auch,
doch ſo ein deutſcher weiſer Mann kommt mir vor wie ein
Bär, der ſchwerfällig in den Bienenſtock hineingreift und
die Tatzen leckt — ich hab' an Bären keinen Gefallen.“
35
„Du biſt ein leichtſinnig Mägdlein“, ſprach Frau Had—
wig, „und unluſtig des Lernens. Wie gefällt dir denn
Ekkehard ſonſt — ich meine, er ſei ſchön?“
Praxedis ſah zu ihrer Gebieterin hinüber: „Ich hab'
noch keinen Mönch drum angeſchaut, ob er ſchön ſei.“
„Warum?“
„Ich hab's für unnötig gehalten.“ .
„Du gibſt heute ſonderbare Antworten“, ſprach Frau
Hadwig und erhob ſich. Sie trat ans Fenſter und blickte
nordwärts. Fenſeits der dunkeln Tannenwälder ſchaute in
plumper Steile der Fels von Hohenkrähen zu ihr herüber.
„Der Hirtenbub war vorhin da, er hat Leute hinüber
beſtellt“, ſprach Praxedis.
„Der Nachmittag iſt mild und ſonnig geworden“, ſagte
die Herzogin, „laß die Pferde rüſten, wir wollen hinüber
reiten und ſehen, was ſie treiben. Oder — ich hab' ver⸗
geſſen, daß du dich über die Mühſal beklagt im Sattel zu
ſitzen, da wir vom heiligen Gallus heimkehrten: ich werd'
alleine ausreiten ..“
Ekkehard hatte ſich auf dem Hohenkrähen den Schau—
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke3/0150