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154 Ekkehard.
hinter dem Gewaltigen, ein Damm, der den Rhein auf
ſeiner Flucht aus dem See dem Beſchauer verdeckt. Glän⸗
zend trat der Unterſee mit der Inſel Reichenau hervor,
und leiſe, wie hingehaucht, zeichneten ſich ferne rieſige
Berggeſtalten im dünnen Gewölk, ſie wurden deutlicher
und deutlicher, lichter Glanz ſäumte die Kanten ihrer
Höhen, die Sonne neigte zum Untergang..ſchmelzend,
duftig flimmerte die Landſchaft...
Frau Hadwig war bewegt. Ein Stück großer weiter
Natur ſagte ihrem großen Herzen zu. Die Gefühle aber
ruhen nahe beieinander. Ein zarter Hauch zog durch ihr
Denken; ihre Blicke wandten ſich von den ſchneeigen
Häuptern der Alpen auf Ekkehard. „Er will der heiligen
Hadwig eine Kapelle weihen!“ ſo klang es immer und
immer wieder in ihr.
Sie trat einen Schritt vor, als fürchte ſie den Schwin⸗-
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del, lehnte den rechten Arm auf Ekkehards Schulter und
ſtützte ſich feſt auf ihn. Ihr Auge flammte auf die kurze
Entfernung in das ſeine hinüber. „Was denkt mein
Freund?“ ſprach ſie mit weicher Stimme.
Ekkehard ſtand zerſtreut. Er fuhr auf.
„Ich bin nie auf ſolcher Höhe geſtanden“, ſprach er,
„bei dem Anblick mußt' ich der Schrift gedenken: ‚Her-
nach führte ihn der Teufel auf einen ſehr hohen Berg
und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Pracht und
ſprach zu ihm: Dies alles will ich dir geben, wenn du
niederfällſt und mich anbeteſt. Er aber antwortete und
ſprach: Weg von mir, Satan! denn es ſteht geſchrie—
ben: Du ſollſt den Herrn, deinen Gott, anbeten und ihm
allein dienen.““
Starr trat die Herzogin zurück. Das Feuer ihres
Auges wandelte ſich, als hätte ſie den Mönch hinabſtoßen
mögen in den Abgrund.
„Ekkehard!“ rief ſie, „Ihr ſeid ein Kind — oder ein
Tor!“
Sie wandte ſich und ſtieg ſchnellen, unmutigen Ganges
hinunter. Sie ritt allein zur Feſte Twiel zurück, ſauſend,
im Galopp; kaum mochte der Diener folgen.
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