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10. Weihnachten. 157
„Das braucht er vor der Königin Dido nicht ſo breit
zu erzählen“, ſprach ſie, „die Lebende hat ſicher nicht gern
gehört, daß er der Entſchwundenen ſo lange nachgelau—
fen. Verloren iſt verloren.“
Indeſſen zog der Winter mit ſcharfem Schritt heran.
Der Himmel blieb trüb und bleigrau, die Ferne verhüllt;
erſt zogen die Berggipfel rings die weiße Schneedecke
um, dann folgte Feld und Tal dem Beiſpiel. Zunge Eis⸗
zapfen prüften das Gebälke unter dem Dach, ob ſie ſich
für etliche Monate ungeſtört dran niederlaſſen möchten;
die alte Linde im Schloßhof hatte längſt wie ein fürſich—
tiger Hausvater, der die abgetragenen Gewandungen
dem Hebräer überläßt, ihre welken Blätter dem Spiel
der Winde hingeſchüttelt — es war ein großer Bündel,
ſie zerzauſten ihn in alle Lüfte. An ihre Äſte kamen kräch⸗
zend die Raben aus den nahen Wäaͤldern geflogen, ſpähend,
ob nicht aus der Burg Küche dann und wann ein Knöch—-
lein für ſie abfalle. Einmal kam einer mit den ſchwarzen
Brüdern, deſſen Flug war ſchwierig, die Schwungfedern
verſtümmelt — da ging Ekkehard über den Schloßhof,
der Rabe aber flog ſchreiend auf und ſuchte das Weite,
er hatte den Mönchshabit ſchon früher geſehen und war
ihm nicht hold.
Des Winters Nächte ſind lang und dunkel. Dann
und wann blitzt ein Nordlicht auf. Aber leuchtender als
alles Nordlicht ſteht jene Nacht in der Menſchen Gemüt,
da die Engel niederſtiegen zu den Hirten auf der Feld—
wacht und ihnen den Gruß brachten: „Ehre ſei Gott in
der Höhe und Friede auf Erden allen, die eines guten Wil⸗
lens ſind.“
Auf dem hohen Twiel rüſteten ſie zur Feier der Weih⸗
nacht durch freundliches Geſchenk. Das JFahr iſt lang und
zählt der Tage viel, in denen man ſich Freundliches er—
weiſen kann, aber der Deutſchen Sinnesart will auch
dafür einen Tag vorgeſchrieben haben, darum iſt bei ihnen
vor anderem Volk die Sitte der Beſcherung eingeführt.
Das gute Herz hat ſein beſonder Landrecht.
In jener Zeit hatte Frau Hadwig die Grammatica
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