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158 Ettehard.
ſchier beiſeite gelegt; es wurde im Frauenſaal viel genäht
und geſtickt, Knäuel von Goldfaden und ſchwarzer Seide
lagen umher, und wie Ekkehard einsmals unvermerkt
eintrat, ſprang Praxedis vor ihn hin und wies ihm die
Tür, Frau Hadwig aber verbarg ein angefangen Werk
der Nadel in einem Körblein.
Da ward Ekkehard aufmerkſam und zog nicht ohne
Grund den Schluß, es werde etwas zum Geſchenk für
ihn hergerichtet. Darum ſann er darauf, dasſelbe zu er—
widern und alles aufzubieten, was ihm an Wiſſen und Kunſt⸗
fertigkeit zu Gebot ſtand; er ſchickte ſeinem Freund und
Lehrer Folkard in Sankt Gallen Bericht, daß ihm der zuſende
Pergament und Farben und Pinſel und köſtliche Tinte.
Zener tat's. Ekkehard aber ſaß manches Stündlein der
Nacht in ſeiner Turmſtube und beſann ſich auf ein latei⸗
niſches Reimwerk, das er der Herzogin widmen wollte —
und ſollten ihr darin etliche feine Huldigungen dargebracht
werden. Es ging aber nicht ſo leicht.
Einmal hatte er begonnen und wollte in kurzem Zug
von Erſchaffung der Welt bis auf Antritt des Herzog—
tums in Schwabenland durch Frau Hadwig gelangen,
aber es hatte ein paar hundert Hexameter gekoſtet, da
war er noch nicht beim König David angelangt, und das
Werk hätte wohl erſt Weihnachten über drei Fahre fer—
tig werden können. Ein anderes Mal wollte er alle
Frauen aufzählen, die durch Kraft oder Liebreiz in der
Völker Geſchichte eingegriffen, von der Königin Semi⸗
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ramis an mit Erwähnung der amazoniſchen Jungfrauen,
der heldenmütigen Zudith und der melodiſchen Sängerin
Sappho, aber zu ſeinem Leidweſen fand er, daß, bis
ſein Griffel zu Frau Hadwig ſich durchgearbeitet hätte,
er unmöglich noch etwas Neues zu deren Lob und Preis
vorzubringen vermöchte. Da ging er ſehr betrübt und
niedergeſchlagen umher.
„Habt Ihr eine Spinne verſchluckt, Perle aller Pro—
feſſoren?“ frug ihn Praxedis einmal, wie ſie dem Ver⸗
ſtörten begegnete.
„Ihr habt gut ſcherzen“, ſprach Ekkehard traurig, —
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