Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke3/0160
10. Weihnachten. 159

und unter dem Siegel der Verſchwiegenheit klagte er ihr
ſeine Not. Praxedis mußte lachen:
„Bei den ſechsunddreißigtauſend Bänden der Biblio⸗
thek zu Konſtantinopolis!“ ſagte ſie, — „Ihr wollet ja
ganze Wälder umhauen, wo es nur ein paar Blümlein
zum Strauß erfordert. Macht's einfach, ungelehrt, lieb—
lich — wie es Euer geliebter Virgilius ausgedacht hätte!“

— Sie ſprang davon.

10

1⁵

Ekkehard ſetzte ſich wieder auf ſeine Stube. „Wie Vir⸗
gil?“ dachte er. Aber in der ganzen AÄneide war kein Bei⸗-
ſpiel für ſolchen Fall vorgezeichnet. Er las etliche Geſänge.
Dann ſaß er träumeriſch da. Da kam ihm ein guter Ge⸗-
danke. „Ich hab's!“ rief er, „der teure Sänger ſelber
ſoll die Huldigung darbringen!“ Er ſchrieb das Gedicht
nieder, als wenn Virgilius ihm in ſeiner Turmeinſamkeit
erſchienen wäre, freudig darüber, daß in deutſchen Lan—
den ſeine Geſänge fortlebten, der hohen Frau dankend,
die ſein pflege. In wenig Minuten war's fertig.
Das Gedicht wollte Ekkehard mit einer ſchönen Ma—
lerei verziert zu Pergament bringen. Er ſann ein Bild
aus: die Herzogin mit Krone und Scepter auf hohem
Throne ſitzend, ihr kommt Virgilius im weißen Gewand,
den Lorbeer in den Locken, entgegen und neigt das Haupt;
an der Rechten aber führt er den Ekkehard, der beſchei—
den wie der Schüler mit dem Lehrer einherſchreitet, eben-
falls tief ſich verneigend.
In der ſtrengen Weiſe des trefflichen Folkard entwarf
er die Zeichnung. Er erinnerte ſich an ein Bild im Pſal⸗-
terbuch, wie der junge David vor den König Abimelech
tritt'n. So ordnete er die Geſtalten; die Herzogin zeich⸗
nete er zwei Finger breit höher als Virgilius, und der
Ekkehard des Entwurfs war hinwiederum ein Beträcht-
liches kleiner als der heidniſche Poet; — anfangende Kunſt,
der es an anderem Mittel des Ausdrucks gebricht, ſpricht

35 Rang und Größe äußerlich aus.

Den Virgilius bracht' er leidlich zuwege. Sie hatten
ſich in Sankt Gallen bei ihren Malereien ſtets an Über-
lieferung alten Bilderwerks gehalten und für Gewandung,


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke3/0160