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162 Ekkehard.
Beim morſchen Steg ſtand ein hohler Weidenbaum. Dort
lauerte Audifax manches Stündlein, den erhobenen Reb-
ſtecken nach des Baumes Sffnung gerichtet. Er ſtellte
einem Fiſchotter nach. Aber keinem Denker iſt die Er—
forſchung der letzten Gründe alles Seins ſo ſchwierig
geworden, wie dem Hirtenknaben ſeine Otterjagd. Denn
aus dem hohlen Ufer zogen ſich noch allerhand Aus—
gänge in den Fluß, die der Otter wußte, Audifax nicht.
Und wenn Audifax oft vor Kälte zitternd ſprach: „Itzt
muß er kommen!“, ſo kam weit ſtromaufwärts ein Ge—
brauſe hergetönt, das war ſein Freund, der dort die
Schnauze übers Waſſer ſtreckte und Atem holte; und
wenn Aubifax leiſe dem Ton nachſchlich, hatte ſich der
Otter inzwiſchen auf den Rücken gelegt und ließ ſich
gemächlich ſtromab treiben...
In der Hohentwieler Küche war Leben und Bewe-
gung, wie im Zelt des Feldherrn am Vorabend der
Schlacht. Frau Hadwig ſelbſt ſtand unter den dienenden
Mägden, ſie trug keinen Herzogsmantel, wohl aber einen
weißen Schurz, teilte Mehl und Honig aus und ordnete
die Backung der Lebkuchen an. Praxedis miſchte Ingwer,
Pfeffer und Zimt zur Würze des Teigs.
„Was nehmen wir für eine Form?“ frug ſie. „Das
Viereck mit den Schlangen?“
„Das große Herz'*e iſt ſchöner“, ſprach Frau Had-
wig. Da wurden die Weihnachtlebkuchen in der Herz—
form gebacken, den ſchönſten ſpickte Frau Hadwig eigen—
händig mit Mandeln und Kardamomen.
Eines Morgens kam Audifax ganz erfroren in die
Küche und ſuchte ſich ein Plätzlein am Herdfeuer; ſeine
Lippen zitterten wie in Fieberſchauer, aber er war wohl⸗
gemut und freudig. „Rüſte dich, Büblein“, ſprach Pra—
xedis zu ihm, „du mußt heut nachmittag hinüber in den
Wald und ein Tännlein hauen.“
„Das iſt nicht meines Amtes“, ſprach Audifax ſtolz,
yvich will's aber tun, wenn Ihr mir auch einen Ge—
fallen tut.“
*as befiehlt der Herr Ziegenhirt?“ fragte Praxedis.
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