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10. Weihnachten. 163
Audifax ſprang hinaus, dann kam er wieder und hielt
einen dunkelbraunen Balg ſiegesfroh in die Höhe, das
kurze glatte Haar glänzte daran, dicht und weich war's
anzufühlen.
5 „Woher das Rauchwerk?“ fragte Praxedis.
„Selbſt gefangen“, ſprach Audifax und ſah wohlge—
fällig auf ſeine Beute. „Ihr ſollt eine Pelzhaube für die
Hadumoth daraus machen.“
Die Griechin war ihm wohlgeſinnt und verſprach Er⸗
10 füllung der Bitte.
Der Weihnachtsbaum war gefällt; ſie ſchmückten ihn
mit AÄpfeln und Lichtlein, die Herzogin richtete alles im
großen Saal. Ein Mann von Stein am Rhein kam
herüber und brachte einen Korb, der mit Leinwand zu⸗—
1s genäht war. „Es ſei von Sankt Gallen“, ſprach er, „für
Herrn Ekkehard.“ Frau Hadwig ließ den Korb uneröff-
net zu den andern Gaben ſtellen.
Der heilige Abend war gekommen. Die geſamten In⸗
ſaſſen der Burg verſammelten ſich in feſtlichem Gewand,
20 zwiſchen Herrſchaft und Geſind' ſollte heut keine Tren—
nung ſein. Ekkehard las ihnen das Evangelium von des
Heilands Geburt, dann gingen ſie paarweiſe in den großen
Saal hinüber, da flammte heller Lichtglanz und feſtlich
leuchtete der dunkle Tannenbaum — als die letzten
2s traten Audifax und Hadumoth ein, ein Blättlein Gold—
ſchaum vom Vergolden der Nüſſe lag an der Schwelle,
Audifax bückte ſich darnach, es zerging ihm unter den
Fingern. „Das iſt dem Chriſtkind von den Flügeln ab—
gefallen“, ſprach Hadumoth leiſe zu ihm.
z35 Auf großen Liſchen lagen die Geſchenke für die dienen⸗-
den Leute, ein Stück Leinwand oder gewoben Tuch und
einiges Geback; ſie freuten ſich des nicht allzeit ſo milden
Sinnes der Gebieterin. Bei Hadumoths Anteil lag richtig
die Pelzhaube. Sie weinte, als Praxedis ihr freundlich
35 den Geber verriet. „Ich hab' nichts für dich“, ſagte ſie
zu Audifax. „Es iſt ſtatt der Goldkrone“, ſprach der.
Knechte und Mägde dankten der Herzogin und gingen in
die Geſindeſtube hinunter.
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