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10. Weihnachten. 167
Jetzt hat die Heimat ſelber uns vergeſſen
Und bei den Fremden leben neu wir auf.
Des Euch zu danken bin ich heute hier:
Das höchſte Kleinod, was dem Sänger wird,
s Iſt Anerkennung einer hohen Frau.
„Heil deiner Herrin, der das ſeltne Gut
Der Stärke und der Weisheit ward beſchert,
Die gleich Minerva in der Götter Reih'n,
In Erz gerüſtet eine Kriegerin,
i„ Der Friedenskünſte Hort und Schutz zugleich.
Noch lange Jahre mög' ihr Szepter walten,
Es blüh' um ſie ein ſtark und ſittig Volk,
Und kommt Euch einſt ein fremd Getön gerauſcht,
Wie Heldenlied und fernes Saitenſpiel,
15 Dann denket mein, es grüßt Italia Euch,
Es grüßt Virgil den Fels von Hohentwiel.“
Er ſprach's und winkte freundlich und verſchwand.
Ich aber ſchrieb noch in derſelben Nacht,
Was er geſprochen. Meiner Herrin ſei's
20 Als Feſtgeſchenk itzt ſchüchtern dargebracht
Von ihrem treuen Dienſtmann Ekkehard.
Eine kurze Pauſe erhob ſich, als er die Leſung ſeines
Gedichts beendet. Dann trat die Herzogin auf ihn zu
und reichte ihm die Hand. „Ekkehard, ich danke Euch ¹*
25 ſprach ſie; es waren dieſelben Worte, die ſie einſt im
Kloſterhof zu Sankt Gallen zu ihm geſprochen, aber der
Ton war noch milder wie damals, und der Blick war
ſtrahlend und ihr Lächeln wunderſam wie das zaubervoller
Feyen, von dem die Sage geht, ein Schneeregen blühen-
30 der Roſen müſſe drauf folgen.
Sie wandte ſich dann zu Praxedis: „Und dich ſollte
ich verurteilen, itzt einen abbittenden Fußfall zu tun, die
du jüngſt ſo geringſchätzend von den gelehrten geiſtlichen
Männern geſprochen.“ Aber die Griechin blickte ſchelmiſch
235 drein, wohl wiſſend, daß ohne ihren weiſen Rat und Bei⸗
ſtand der ſcheue Mönch ſich kaum zu ſeiner Dichtung er⸗-
ſchwungen.
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