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10. Weihnachten. 169
„Das iſt wiederum ein Rätſel, bis die Löſung kommt“,
ſcherzte Praxedis. „Die Zukunft ſieht ja für dieſesmal
faſt aus wie ein Tannenzapfen.“
„Wie eine Träne!“ ſprach die Herzogin ernſt und ſtützte
5 ihr Haupt auf die Rechtenss.
Lauter Lärm im Erdgeſchoß der Burg unterbrach das
weitere Prüfen der Vorbedeutung; Gekicher und Auf—
ſchrei der dienenden Mägde, rauhes Gebrumm männ-
licher Stimmen, ſchriller Lautenſchlag: ſo tönte es ver—
10 worren den Gang herauf; ehrerbietig und ſchutzflehend
hielt der fliehende Schwarm der Dienerinnen an des
Saales Schwelle, die lange Friderun unterdrückte müh—
ſam ein lautes Schelten, die junge Hadumoth weinte —
tappend kam eine Geſtalt hinter ihnen drein, ſchwer—
15 fälligen zweibeinigen Schritts, in rauhe Bärenhaut ge—
hüllt, eine bemalte hölzerne Maske mit namhafter
Schnauze vor dem Antlitz; ſie brummte und murrte wie
ein hungriger Braun, der auf Beute ausgeht, und tat
dann und wann einen ungefügen Griff in die Laute, die
20 an rotem Band über die zottigen Schultern gehängt war
— aber wie des Weihnachtsſaals Türe ſich auftat und der
Herzogin Gewand entgegenrauſchte, machte der nächt—
liche Spuk kehrt und polterte langſam durch den dröhnen⸗
den Gang zurück.
25 Die alte Schaffnerin ergriff das Wort und trug ihrer
Gebieterin vor, daß ſie fröhlich unten geſeſſen und ſich
der Weihnachtsgaben erfreut, da ſei das Ungetüm ein—
gebrochen und habe erſt zum eigenen Lautenſpiel einen
feinen Tanz aufgeführt, hernach aber die Lichter aus—
30 geblaſen und die erſchrockenen Maiden mit Kuß und Um—
armung bedroht und ſei ſo wild und unerſättlich geworden,
daß es ſie alle zur Flucht genötigt; dem rauhen Lachen
des Bären aber ſei mit Grund zu entnehmen, daß unter
der Wildſchur Herr Spazzo, der Kämmerer, verborgen
35 ſtecke, der nach einem ſcharfen Weintrunk hiemit ſein Weih—
nachtvergnügen beſchloſſen.
Frau Hadwig beruhigte den Unwillen ihres Geſindes
und hieß ſie ſchlafen gehen. Vom Hofe aber tönte noch
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