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11. Der Alte in der Heidenhöhle. 175
Bevor der Hahn den Morgen anrief, war Ekkehard
ſchon durchs Tor von Hohentwiel ausgeritten. Kühle
Frühluft wehte ihm ums Antlitz; er hüllte ſich tief in die
Kapuze. „Warum hat Euch der Himmel nicht zum Kriegs⸗
mann werden laſſen? Es wäre vieles beſſer!“ Das Wort
der Herzogin ging mit ihm wie ſein Schatten. Es war
ihm ein Sporn zu mutigen Entſchlüſſen. Wenn die Ge—
fahr kommt, dachte er, ſoll ſie den Schulmeiſter nicht
hinter ſeinen Büchern ſehen!
Sein Roß trabte gut. In wenigen Stunden ritt er
über die waldigen Höhen, die den Unterſee von dem See
von Überlingen trennen. Am herzoglichen Meierhof Ser-
natingen grüßte ihn die blaue Flut des Sees, er ließ ſein
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Roß dem Meier und ſchritt den Pfad voran, der hart am
Ufer hinführte.
An einem Vorſprung hielt er eine Weile, gefeſſelt von
der weiten Umſchau. Der Blick flog unbegrenzt über die
Waſſerfläche bis zu den Rätiſchen Alpen, die, eine kri—
ſtallklare Mauer, ſich als Ende der Landſchaft himmelan
türmen.
Wo die Sandſteinfelſen ſenkrecht aus dem See empor-
ſtiegen, lenkte ſich der Pfad aufwärts. Stufen im Fels
erleichterten den Schritt, gehauene Fenſteröffnungen, mit
dunkeln Schatten in der Tiefe die Lichte der Felswand
unterbrechend, wieſen ihm den Ort, dran einſt in Zeiten
römiſcher Herrſchaft unbekannte Männer ſich in Weiſe
der Katakomben ein Höhlenaſyl eingegraben “.
Das Aufſteigen war beſchwerlich. Fetzt trat er auf
einen ebenen Geviertraum, wenig Schritte im Umfang,
von jungem Gras bewachſen. Vor ihm öffnete ſich ein
mannshoher Eingang in den Felſen, aber ein rieſiger
ſchwarzer Hund ſprang bellend hervor, zwei Schritte vor
Ekkehard hielt er, zu Sprung und Biß bereit, ſeine Augen
ſtarr auf den Mönch gerichtet; der durfte keinen Schritt
vorwärts machen, ſo fuhr ihm der Hund an den Hals.
Die Stellung war nicht beneidenswert, Rückzug unmög-
lich, Waffen trug Ekkehard nicht. So blieb er ſeinem
Gegner gegenüber eine Weile ſtarr ſtehen; da ſchaute aus
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