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178 Ettehard.
„Es gibt keinen Dank auf dieſer Welt, und von eines
Kaiſers Freunden iſt auch der beſte ein Verräter!“
„Auch der beſte ein Verräter“, ſprach der Alte in Ge⸗
danken. Sein Blick fiel auf das naheſtehende Schachbrett.
„Jawohl!“ murmelte er leiſe, „matt geſetzt, durch Läufer
und UÜberläufer matt geſetzt...“ er ballte die Fauſt, als
wolle er aufſpringen, dann ſeufzte er laut und fuhr mit
der welken Hand nach der Stirn und ſtützte ſein ſchweres
Haupt auf.
ghas Kopfweh!“ ſprach er.. „das verfluchte Kopf⸗
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„Mummolin!“ rief Rauching.
Mit großen Sätzen kam der ſchwarze Hund vom Ein-
gang her geſprungen; wie er den Alten mit aufgeſtülp—
tem Haupt gewahrte, trat er ſchmeichelnd heran und leckte
ihm die Stirn. „Es iſt gut“, ſprach der Greis nach einer
Weile und richtete ſich wieder auf.
„Seid Ihr krank?“ fragte Ekkehard teilnehmend.
„Krank?“ ſprach der Alte — „'s mag eine Krankheit
ſein. Mich ſucht's ſchon ſo lang' heim, daß mir's wie ein
alter Bekannter erſcheint. Habt Ihr auch ſchon Kopfweh
gehabt? Ich rate Euch, zieht niemals zu Felde, wenn
Euch Kopfweh plagt, und ſchließt keinen Frieden, es kann
ein Reich koſten, das Kopfweh..“
„Soll Euch kein Arzt. “ wollte Ekkehard fragen.
„Der Arzte Weisheit iſt erſchöpft. Sie haben's gut
mit mir gemeint. “
Er wies auf ſeine Stirn; zwei alte Narben kreuzten
ſich darauf. „Schaut her! und wenn ſie Euch das verord—
nen wollen, müßt's nicht anwenden! An den Füßen bin
ich aufgehangen worden in jungen Tagen, dann die Ein⸗
ſchnitte im Kopf — ein Stück Blut und ein Stück Verſtand
haben ſie mir genommen: nichts geholfen!“
vyoIn Cremona — Bedekias hat der hebräiſche Weiſe
geheißen — haben ſie die Sterne gefragt und mich in
dämmernder Mitternacht unter einen Maulbeerbaum
geſtellt;'s war ein langer Spruch, mit dem ſie das Kopf⸗
weh in den Baum hinein verfluchten: nichts geholfen!
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