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11. Der Alte in ber Heidenhöhle. 181
ſeit vierzig Fahren nichts Neues gegeben als Not und
Elend. Alte Geſchichten! 's iſt gut, wer ſie noch weiß,
daß er ſehen kann, wie der Väter Sünden gerächt werden
an Kind und Kindeskind. Wißt Ihr, warum der große
Karl das einemal in ſeinem Leben geweint hat? ‚So⸗—
lange ich lebe, ſind's Narrenpoſſen“, ſprach er, da ſie ihm
der nordmänniſchen Seeräuber Ankunft meldeten, ‚aber
mich dauern meine Enkeln!““ B
„Noch haben wir einen Kaiſer und ein Reich“, warf
Ekkehard ein.
„Habt ihr noch einen?“ ſprach der Greis und trank
ſeinen Schluck ſauern Sipplinger und ſchüttelte ſich: „Ich
wünſch' ihm Glück. Die Eckſteine ſind geſplittert, das Ge—
bäu iſt morſch. Mit übermütigen Herren kann kein Reich
beſtehen; die gehorchen ſollen, herrſchen, und der herr—
ſchen ſoll, muß ſchmeicheln ſtatt gebieten. Ich hab' von
einem gehört, dem haben ſeine getreuen Untertanen den
Tribut in Kieſelſteinen ſtatt in Silber geſchickt, und der
Kopf des Grafen, der ihn heiſchen ſollte, lag dabei im
Sack. Wer hat's gerächt?
„Der Kaiſer“, ſprach Ekkehard, „zieht in Welſchland
zu Felde und erwirbt großen Ruhm.“
„O Welſchland, Welſchland!“ fuhr der Alte fort, „das
wird noch ein ſchlimmer Pfahl im deutſchen Fleiſche wer⸗
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den. Jenes einemal hat ſich der große Karl.“
„Den Gott ſegnen möge!“ fiel Rauching ein.
„. einen blauen Dunſt vormachen laſſen. 's war
ein ſchlimmer Tag, wie ſie ihm in Rom die Krone auf⸗
ſetzten, und hat keiner gelacht, wie der auf Petri Stuhl.
Der hat uns nötig gehabt — aber was haben wir mit
Welſchland zu ſchaffen? Schaut hinaus: iſt die Gebirgs-
mauer dort für nichts himmelan gebaut? Das jenſeits
gehört denen in Byzantium, und von Rechts wegen; grie-
chiſche Liſt wird dort eher fertig als deutſche Kraft; aber
die Nachfolgenden haben nichts zu tun, als des großen
Karl Irrtum ewig zu machen. Was er Vernünftiges ge—
wieſen, haben ſie mit Füßen getreten, in Oſt und Nord
war vollauf zu tun, aber nach Welſchland muß gerannt
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