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184 Ettehard.
Läuterung und Probe, und da er's geduldig trug, ſteht
zu hoffen, daß ihn der Herr mit der Krone des ewigen
Lebens für die belohnt, die er hienieden verloren..
ſo predigten ſie in der Kloſterkirche'so und wußten nicht,
daß in derſelben Stunde der, den ſie zu begraben meinten,
mit Sack und Pack und einem Fluch auf die Welt in der
Einſamkeit der Heidenhöhlen einzog.“
L Der Greis lachte: „Hier iſt's ſicher und ruhig, um an
alte Geſchichten zu denken; ſtoßt an: die Toten ſollen
leben! Und der Luitward iſt doch betrogen; wenn ſein
Kaiſer auch einen alten Hut trägt ſtatt güldenem Reif
und Sipplinger trinkt ſtatt goldigem Rheinwein, ſo lebt
er doch noch: dieweil die Hageren und ihr ganzes Geſchlecht
vom Tode gerafft ſind. Und die Sterne werden ihr Recht
behalten, in denen bei ſeiner Geburt geleſen ward, daß
er im Toſen der Reiterſchlacht aus der falſchen Welt ab—
ſcheiden werde. Die Hunnen kommen .komm bald
auch, du fröhlich Ende!“
Ekkehard hatte mit Spannung zugehört. „Herr! wie
wunderbar ſind deine Wege!“ rief er. Er wollte vor ihm
niederknieen und ſeine Hand küſſen, der Alte litt's nicht:
„Das gilt alles nicht mehr! nehmt Euch ein Beiſpiel...“
„Deutſchland hat Euch und Eurem Stamm große Un⸗-
bill angetan“ wollte Ekkehard tröſten.
„Deutſchland!“ ſprach der Alte, „ich bin ihm nicht
gram, mög' es gedeihen und blühen, von keinem Feind
bedräut, und einen Herrſcher finden, der's zu Ehren bringt
und kein Kopfweh hat, wenn die Nordmänner wieder-
kommen, und keinen Kanzler, der Luitward von Vercelli
heißt. Nur die, die ſeine Kleider unter ſich geteilt und das
Los um ſein Gewand geworfen —“
„AMNöge der Himmel ſtrafen mit Feuer und ſchwefligem
Regen*n!“ ſprach Rauching im Hintergrund.
„AWelchen Beſcheid bring' ich meiner Herrin von
Euch?“ fragte Ekkehard, nachdem er ſeinen Becher geleert.
„Von wegen der Hunnen?“ ſagte der Greis. „Ich
glaube, das iſt einfach. Sagt Eurer Herzogin, ſie ſoll
in Wald gehen und ſehen, wie es der Igel macht, wenn
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