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188 Ekkehard.
ſamten Kloſter die Einladung auf den hohen Twiel für
die Zeit der Gefahr.
Dort war ſchon alles in Bewegung. Beim Spring-
brunnen im Kloſtergarten ergingen ſich die Brüder; es
war ein linder Frühlingstag; aber keiner dachte ernſt-
haft dran, ſich des blauen Himmels zu freuen, ſie ſprachen
von den böſen Zeiten und ratſchlagten; es wollt' ihnen
ſchwer einleuchten, daß ſie aus ihren ſtillen Mauern aus⸗
ziehen ſollten.
Der heilige Marcus, hatte einer geſagt, wird ſeine
Schutzbefohlenen ſchirmen und den Feind mit Blindheit
ſchlagen, daß er vorbeireitet, oder das Grundgewelle des
Bodenſees aufſchäumen laſſen, daß es ihn verſchlinge wie
das Rote Meer die Ägypter.
Aber der alte Simon Bardo ſprach: „Die Rechnung
iſt nicht ganz ſicher, und wenn ein Platz nicht ſonſt mit
Turm und Mauern umwallt iſt, bleibt Abziehen rätlicher.
Wo aber noch eines Schillings Wert zu finden iſt, da reitet
kein Hunne vorbei; legt einem Toten ein Goldſtück aufs
Grab, ſo wächſt ihm noch die Hand aus der Erde und
greift danach.“
„Heiliger Pirminius!“ klagte der Bruder Gärtner,
„wer ſoll den Kraut- und Gemüsgarten beſtellen, wenn
wir fort müſſen?“ — „Und die Hühner?“ ſprach ein anderer,
deſſen teuerſte Kurzweil in Pflege des Hühnerhofes be—
ſtund, „haben wir die drei Dutzend welſche Hahnen für
den Feind ankaufen müſſen?“
„Wenn man ihnen einen eindringlichen Brief ſchriebe“,
meinte ein dritter; „ſie werden doch keine ſolche Unmen-
ſchen ſein, Gott und ſeine Heiligen zu kränken.“
Simon Bardo lächelte: „Werd' ein Lämmerhirt“,
ſprach er mitleidig, „und trink' einen Abſud vom Kraut
Camomilla, der du den Hunnen eindringliche Briefe ſchrei⸗
ben willſt. O, daß ich meinen alten Oberfeuerwerker
Kedrenos mit über die Alpen gebracht! Da wollten wir
ein Licht wider den Feind ausgehen laſſen, ſchärfer als
der milde Mondſchein über dem Krautgärtlein, der dem
ſeligen Abt Walafrid's ſo weiche Erinnerungen an ſeine
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