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190⁰ Ekkehard.
Harniſch ausleſen? Der mit dem Wehrgehenk dort fängt
Stich und Hieb ſo gut wie das feinſte Nothemd“, das je
eine Jungfrau ſpann.“
Ekkehard dankte. Der Abt ſtieg mit ihm aus der Rüſt⸗
kammer hinunter. Der Ringelpanzer behagte ihm, er
warf die braune Kapuze drüber um; ſo trat er in den
Garten unter die zagenden Brüder wie ein Rieſe des
Herrns.
„Der heilige Marcus iſt heut nacht vor mein Lager
getreten“, rief der Abt; „nach dem hohen Twiel hat er
gedeutet; dorthin wollen meine Gebeine, daß keines Hei⸗
den Hand ſie entweihe. Auf und rüſtet euch! In Gebet
und Gottvertrauen hat ſeither eure Seele den Kampf mit
dem böſen Feind gekämpft, jetzt ſollen eure Fäuſte weiſen,
daß ihr Kämpfer ſeid. Denn die da kommen, ſind Söhne
der Teufel; Alraunen und Dämonen in aſiſcher Wüſte
haben ſie erzeugt; Teufelswerk iſt ihr Treiben, zur Hölle
werden ſie zurückfahren, wenn ihre Zeit um'ss!“
Da ward auch dem ſorgloſeſten der Brüder deutlich,
daß eine Gefahr im Anzug. Beifällig Murmeln ging
durch die Reihen, ſie waren von Pflege der Wiſſenſchaft
noch nicht ſo weich gemacht, daß ihnen ein Kriegszug nicht
als löbliche Abwechſlung erſchienen wäre.
An einen Apfelbaum gelehnt ſtand Rudimann, der
Kellermeiſter, bedenkliche Falten auf der Stirn. Ekkehard
erſah ihn, ſchritt auf ihn zu und wollte ihn umarmen als
Zeichen, daß gemeinſame Not alten Zwiſt ausebne. Rudi⸗-
mann aber winkte ihm ab: „Ich weiß, was Ihr wollet!“ —
Aus dem Saum ſeiner Kutte zog er einen groben härenen
Faden, warf ihn auf die Erde und trat darauf. „Solang'
ein hunniſch Roß die deutſche Exde ſtampft“, ſprach er,
„ſoll alle Feindſchaft aus meinem Herzen geriſſen ſein,
wie dieſer Faden aus meinem Gewand “““; überleben wir
den Streit, ſo mag's wieder eingefädelt werden, wie ſi ſi ch's
geziemt!“
Er wandte ſich und ſchritt nach ſeinem Keller zu wich-
* Unverwundbar machendes gemd, von reinen Zungfrauen in der
Chriſtnacht unter beſonderen Formlichkeiten geſponnen.
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