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12. Der Hunnen Heranzug. 191
tiger Arbeit. In Reih' und Glied lagen dort den hoch-
gewölbten Raum entlang die Stückfäſſer als wie in
Schlachtordnung, und keines klang hohl, ſo man anklopfte.
Rudimann hatte etliche Maurer beſtellt; jetzt ließ er einen
Vorplatz, wo ſonſt Kraut und Frucht bewahrt lag, her-
richten, als wär' das der Kloſterkeller; zwei Fäßlein und
ein Faß pflanzten ſie drin auf. Findet der Feind gar nichts
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vor, ſo ſchöpft er Verdacht, alſo hatte der Kellermeiſter
bei ſich überlegt, — und wenn die Sipplinger Ausleſe,
die ich preisgebe, ihre Schuldigkeit tut, wird manch ein
hunniſcher Mann ein bös Weiterreiten haben.
Schon hatten die Werkleute die Quaderſteine gerichtet
zu Vermauerung der inneren Kellertür, — noch einmal
ging Rudimann hinein; aus einem verwitterten Faß zapfte
er ſein Krüglein und leerte es wehmütig; dann faltete
er die Hände wie zum Gebet: „Behüt' dich Gott, roter
Meersburger!!“ ſprach er. Eine Träne ſtund in ſeinen
Augen.
Rühriges Treiben ging allenthalben durchs Kloſter.
In der Rüſtkammer wurden die Waffen verteilt, es waren
viel Häupter und wenig Helme, der Vorrat reichte nicht.
Auch war viel Lederwerk zerfreſſen und mußte erſt ge⸗
flickt werden.
In der Schatzkammer ließ der Abt die Koſtbarkeiten
und Heiligtümer verpacken: viel ſchwere Truhen wurden
gefüllt, das güldne Kreuz mit dem heiligen Blut, die
weiße Marmorurne, aus der einſt die Hochzeitgäſte in
Cana den Wein ſchöpften, Reliquienſärge, Abtsſtab, Mon-
ſtranz — alles ward ſorglich eingetan und auf die Schiffe
verbracht. Sie ſchleppten auch den ſchweren, durchſichtig
grünen Smaragd bei, achtundzwanzig Pfund wog er.
„ Den mögt ihr zurücklaſſen“, ſprach der Abt.
„Das Gaſtgeſchenk des großen Kaiſer Karl? des Mün-
ſters ſeltenſtes Kleinod, wie keines mehr in den Tiefen
der Gebirge verborgen ruht?“ fragte der dienende Bruder.
„Ich weiß einen Glaſer in Venezia, der kann einen
neuen machen, wenn dieſen die Hunnen fortſchleppen ⁰“
erwiderte leichthin der Abt.
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