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12. Der Hunnen Heranzug. 195
greiſen Tage in Ruhe verleben will“, hatte er ſcherzend
zur Herzogin geſagt. Der Waffenlärm aber ſtärkte ſein
Gemüt wie alter Rheinwein und richtete ihn auf; mit
ſcharfer Sorge ließ er die Unerfahrenen ſich in den Waffen
üben, des Burghofs Pflaſter widerhallte vom ſchweren
Schritt der Mönche, die in geſchloſſenen Reihen des Speer⸗
angriffs unterwieſen wurden. „Wände könnt' man mit
euch einrennen“, ſprach der Alte Beifall nickend, „wenn
ihr einmal warm geworden ſeid. “
Wer von den Füngern eines ſichern Auges und be—
weglicher Knochen ſich erfreute, ward den Pfeilſchützen
zugeteilt. Fleißig übten ſie ſich. Heller Zubel klang ein⸗
mal von des Hofes anderem Ende zu den Speerträgern
herüber: das loſe Volk hatte einen Strohmann angefertigt,
eine Krone von Eulenfedern im Haupt, eine ſechsfältige
Peitſche in der Hand, einen roten Lappen in Herzform
auf der Bruſt, war er ihre Zielſcheibe.
„Der Hunnen König Etzel“, riefen die Schützen, „wer
trifft ihn ins Herz?“
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„Spottet nur“, ſprach Frau Hadwig, die vom Balkon
herab zuſchaute; „hat ihn auch in ſchlimmer Brautnacht
der Schlag darnieder geſtreckt, ſo geht ſein Geiſt fort und
fort mächtig durch die Welt; die nach uns kommen, wer-
den noch an ihm zu beſchwören haben.“
„Wenn ſie nur auch ſo ſcharf auf ihn ſchießen, wie die
da unten!“ ſagte Praxedis — und Halloruf klang vom
Hofe herauf, der Strohmann wankte und fiel, ein Pfeil
hatte das Herz getroffen.
Ekkehard kam in den Saal herauf. Er war wacker mit⸗
marſchiert, ſein Antlitz glühte, der ungewohnte Helm hatte
einen roten Streif auf der Stirn zurückgelaſſen. In der
Erregung des Tages vergaß er ſeine Lanze draußen ab—
zuſtellen. Mit Wohlgefallen ſah Frau Hadwig auf ihn;
es war nicht mehr der zage Lehrer der Grammatik...
Er neigte ſich vor ſeiner Gebieterin: „Die Reichenauer
Mitbrüder im Herrn“, ſprach er, „laſſen melden, daß ſich
Durſt in ihren Reihen eingeſtellt.“
Frau Hadwig lachte. „Laßt eine Tonne kühlen Bieres
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